Freitag, 22. August 2014

Axii und Alicen

Axii öffnete das Dachfenster und kletterte im Schlafanzug hinaus. Es hatte geregnet, er musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte. Seine Socken wurden nass. Er setzte sich hin und zog sie aus, warf sie zurück in sein Zimmer und schaute auf die Lichter der Dusonstadt. Es glitzerte überall, bis zum Horizont, selbst auf den weit entfernten Bergen. Warmer Wind blies ihm ins Gesicht und ließ sein Haar fliegen. Drüben auf dem Meer landete ein Flugzeug, als es sich der Landebahn näherte, leuchteten entlang der Bahn Lichter auf und man konnte sie gut erkennen. Sie schien auf dem Wasser zu schwimmen.
Über ihm zogen kleine Wolkenfetzen vorbei, die Nacht war schwarz aber er konnte den Großen Wagen erkennen - gerade noch. Bei den Eltern von Mutter und Vater konnte man Nachts die Milchstraße und Tausende von Sternen sehen. Es war so, als wäre die Dusonstadt die umgekehrte Welt der Welt. In den Outlands waren die Sterne oben und hier in der Stadt, da waren sie nämlich unten. Einmal hatte er den Vater sagen hören: „In der Dusonstadt leben wir zwischen den Sternen.“
Ein Conolonibus landete auf einem Wolkenkratzer weit entfernt. Hier in Lalande gab es keine Wolkenkratzer und die höchsten standen in Encea und den 8 Hauptsektoren: Zentral Dusonstadt Nord Nord, Zentral Dusonstadt Nord Ost, Zentral Dusonstadt Süd Ost, Zentral Dusonstadt Süd Süd, Zentral Dusonstadt Süd West, Zentral Dusonstadt Nord West und Zentral Dusonstadt (Dysons Hill). Wobei Dyson Hill noch einmal unterteilt war in West und Ost. Dort stand auch der KI-Tower, der die künstliche Intelligenz beherbergte. Es war nicht der größte Turm aber manchmal reichte er trotzdem bis in die Wolken. Der Conolonibus startete wieder. Es war ein Frachter, das konnte Axii daran erkennen, dass er nun einen großen Kontainer durch die Luft trug.
Axii legte sich flach auf den Rücken und streckte seine Beine aus. Die Wolkenfetzen waren mehr geworden. Sie trieben schnell vom Meer her über die Stadt. Vielleicht kam noch mehr Regen.

Morgens kam er erst sehr spät zum Frühstückstisch. Die Mutter tippte auf ihrem Tablet, der Vater entrollte seine Zeitung. Axii setzt sich an den Tisch und nahm eine Scheibe Brot aus dem Korb. Er legte eine Scheibe Trockenwurst drauf und biss lustlos hinein.
„Wir haben keinen Kakao mehr“, bemerkte seine Mutter nebenbei. Sie korrigierte einige Arbeiten ihrer Schüler. Gerade zeigte das Display eine Arbeit an, die sie beinahe vollständig rot markiert hatte. Und dann schüttelte sie den Kopf und markierte mit dem Zeigefinger eine weitere Zeile.
„Die Mensch-Partei wird verdächtigt einen Anschlag auf das Gedächtnis geplant zu haben“, murmelte der Vater.
„Diese Totaldebilen sollte man ohnehin alle einsperren“, sagte die Mutter. „Wie kann man in unserer heutigen Zeit noch solche veralteten Gedanken haben? Sollen sie doch in den Wald gehen und fortan dort leben, wenn es ihnen in der Stadt nicht gefällt.“
Der Vater schüttelte die Zeitung, das Bild wechselte auf die nächste Seite.
„Mich würde interessieren, wie sie zum Gedächtnis vordringen wollten, wenn sie jegliche Technik ablehnen.“ Er lachte trocken. „Mit Stock und Hut.“
Axii stand wieder auf.
„Ich muss los“, sagte er.
Die Mutter nickte, der Vater gähnte und legte seine Zeitung auf den Tisch.
„Sei brav“, sagte die Mutter, als Axii durch die Tür nach draußen ging.

Axii lehnte sich an eine Straßenlaterne. Er wartete auf den Bus. Alicen kam. Er setzte sich auf die Bank im Glashäuschen. Axii beobachtete ihn. Seine Haare hatte er, wie immer, direkt nach dem Duschen mit einer Menge Haarspray gesteift. Es sah aus, als hätte er einen Kopf voll langer und dicker Nadeln, die kreuz und quer abstanden.
„MJ – Bad“, sagte Alicen leise wobei er seinen Kommunikator am Handgelenk meinte. Er hörte Musik, in seinen Ohren steckten Mini-Lautsprecher. Axii konnte sie nicht sehen, aber unter Alicens stacheligen Haaren blinkte es und das Display seines Kommunikators zeigte ein Bild von einem Mann in Lederjacke und mit dunklen Locken.
Alicen sah auf und ihre Blicken trafen sich. Axii sah schnell weg.
„Hi, du bist doch an meiner Schule“, sagte Alicen.
Axii nickte.
„Ja, Naturwissenschafts-Kurs Eins.“
„Ich bin in Geschichte und Politik – ich bin Alicen.“
„Axii.“
Sie berührten sich knapp mit den Fingerspitzen.
„Du hast doch letztes Jahr im Kunst-Kurs diese Fratze gebastelt, oder?“
Axii nickte.
„Und sie der Schulleiterin geschenkt“, sagte Axii grinsend.
Alicen lachte.
„Die wusste echt nicht, was sie sagen sollte.“
Axii zuckte mit den Schultern. Eigentlich wollte er seiner Schulleiterin damit nichts gesagt haben. Sie fand seine Arbeit beeindruckend, sehr sogar, also hatte er sie ihr am Schultag einfach geschenkt. Das die Leute sich darüber Gedanken machen würden, es sogar merkwürdig oder bestürzend finden würden, daran hatte er nicht gedacht. Erst als sie ihn danach zur Seite nahm und fragte, warum er das getan habe, hatte er gemerkt, dass es keine gute Idee gewesen ist, vor fast Tausend Schülern und Eltern, seiner Schulleiterin eine Maske aus Hühnerfedern, Wurzeln und anderem Kram zu schenken. Schließlich aber, nachdem er ihr erklärt hatte, dass er sich nichts dabei gedacht hatte, nahm sie die Maske und hängte sie im Lehrerzimmer auf. Seitdem hängt sie dort und jeder Refrendar der zum ersten Mal den Raum betrat, erschrack einwenig, wenn er sie erblickte.
„Psst“, sagte Alicen damit die Musik in seinen Ohren verstummte. „Axii, ist ein komischer Name.“
„Eigentlich heiße ich Naxin aber jeder nennt mich Axii mit doppeltem i – und frag nicht, ich weiß nicht warum das doppelte i.“
„Falls du mal ein i verlierst, heißt du immer noch Axii, deshalb vielleicht“, sagte Alicen und Axii lachte.
Der Bus kam und beide stiegen ein. Sie setzten sich nebeneinander. Der Bus fuhr zum Bahnhof. Sie redeten über etwas. Alicen zeigte Axii etwas auf seinem Kommunikator. Sie fuhren einen Hügel herunter. Weit voraus glitzerte das Meer, die Sonne backte die Stadt, die Ferien standen bevor.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Axii der Schatten


Axii - Magicka

Ein alter Mann saß auf dem Boden. Er hatte ein Brötchen in einer Hand und einen Becher in der anderen Hand. In dem Becher war Kaffee. 
Axii saß auf einer Bank von der aus er in die Gosse schauen konnte. Fanka wollte sich hier mit ihm treffen, doch sie verspätete sich. Er hatte ihr gerade eine Nachricht geschickt und gefragt wo sie sei. 
Der alte Mann starrte nun seinen Becher in der Hand an. Dampf stieg aus ihm auf. 
Axii blickte auf das Display seines Kommunikators. Fanka winkte ihm entgegen. 
 „Ich bin Zuhause, was gibt es?“ 
  „Woltest du dich nicht mit mir treffen?“, fragte Axii überrascht. 
 „Heute? Nein“, sagte sie. 
  „Du hast mir doch vorhin eine Nachricht gesendet.“ 
Fanka schüttelte den Kopf. 
 „Kann nicht sein. Ich bin bei meiner Tante.“ 
Der alte Mann warf den Becher von sich. Die Flüssigkeit spritzte durch die Luft und eine Menge Dampf stieg nach oben. Er stand auf, so plötzlich, wie von einem Insekt gestochen. 
 „Was ist los?“, fragte Fanka. Axii ließ seinen Arm mit dem Kommunikator sinken. 
Der Alte sah sich um wie paranoid. Und plötzlich drehte er sich langsam herum, um dann die Hauswand hinter ihm hinauf zu schauen – so langsam, als traute er sich nicht zu erkennen, was er ganz oben zu sehen bekommen würde. Dabei war da oben nichts. Erst als die ersten Ziegel vom Dach herunter kamen, bemerkte Axii dass sich die gesamte Hauswand krümmte, als sei sie aus heißem Plastik. 
 „Rennen sie“, schrie er dem Alten zu. 
Der Mann ballte seine knochige Hand reflexartig zu einer Faust und schwang sie in Axiis Richtung. Da stand er nun in dieser Haltung mit ausgestreckten Arm und weit aufgerissenen Augen. 
Die Wand war nun schon so krumm, dass sie überall Risse bekam und der Putz herunter kam und auf dem Boden zersprang. Axii stand von der Bank auf. Er wollte den Mann holen, ihn an seinem ausgestreckten Arm aus der Gefahrenzone ziehen aber er lief gegen eine unsichtbare Wand. Es fühlte sich an wie unsichtbares Wasser aber er konnte es atmen. 
Und dann verflüssigte sich der Zement zwischen den Ziegeln der Hauswand und quoll heraus. Die Wand stürzte ein und gab die leeren Räume dahinter frei. Der Alte duckte sich, kniete sich hin und hielt beide Arme schützend über seinen Kopf. Axii spürte, dass die unsichtbare Barriere zwischen ihm und dem Geschähen verschwunden war aber er konnte keinen Schritt machen. Dort passierte etwas sehr merkwürdiges. 
Die Ziegelsteine schienen wie an einem Schutzschild der sich um den Alten gelegt hatte abzuprallen und sie flogen kreuz und quer durch die Gosse. Gleichzeitig schien es unter dem Schutzschild zu regnen, denn der Mann war innerhalb von Sekunden vollkommen durchnässt. 
 „Renn weg!“, schrie der Mann unter größter Anstrengung. Das Sprechen schien ihm viel Kraft ab zu verlangen, den das Schutzschild gab nach und einer der Ziegel traf den Alten an der Schulter. Doch die Wand war bereits eingestürzt und der Schutt bildete einen Kreis um den Mann herum. 
Axii wirbelte herum und rannte los. Er sprang zwischen zwei Büsche am Waldrand, rannte noch ein Stück weiter und sprang über eine überwuchertes Mauerstück. Dahinter kniete er sich hin und versuchte so leise zu schnaufen wie es ihm möglich war. 
 „Du hast dich gut versteckt, alter Mann“, schrie jemand so laut, dass es hallte. 
  „Nicht gut genug, fürchte ich“, sagte der alte Mann. 
Axii spähte über das Mauerstück aber die Büsche und Bäume versperrten ihm die Sicht. 
 „Ich will dich nicht töten, aber du weißt, ich werde“, schrie der andere wieder. 
  „Ich weiß“, sagte der Alte. „Ich kann nichts dagegen tun, weil ich dich ja nicht sehen kann, also viel Vergnügen.“ 
Axii schlich um die Mauer herum und schlich vorsichtig zu einem Baumstamm. Von hier aus konnte er den Alten sehen, wenn er einen Zweig ein Stück zur Seite bog. Er stand bei der Bank auf welcher Axii auf Fanka gewartet hatte und da fiel sie ihm wieder ein. Er blickte auf den Kommunikator. Ihre Augen starrten ihn an, sie blickte sehr erschrocken drein. 
 „Was ist da los?“, flüsterte sie. 
Axii legte den Zeigefinger auf seine Lippen. Fanka presste ihre Hand auf den Mund. 
 „Es bereitet mir kein Vergnügen jemanden der meiner Rasse angehört zu töten, ich tue es nur, um die anderen zu schützen, Karanka.“ 
  „Vor was möchtest du sie schützen, Fikret? Vor mir?“ 
 „Du bist ein Risiko, Karanka, wenn du dich hier zwischen den Menschen herumtreibst mit dem Wissen das du hast.“ 
Plötzlich kam ein Wind auf. Er wehte jedoch nur über die Straße hinweg, so stark jedoch, dass er den Alten, Karanka, beinahe von den Füßen fegte. 
 „Du musst mich töten, Fikret“, sagte der Alte laut, „du wirst mich nämlich nicht umstimmen können, ich kehre nicht mehr zurück.“ 
  „Dann soll es so sein“, sagte die unsichtbare Stimme Fikrets. Sie klang wie ein Seufzer. 
Axii drehte sein Handgelenk so, dass auch Fanka sehen konnte, was dort auf der Straße zwischen den Ruinen passierte. 
Noch einmal kam ein Wind auf und trieb trockenes Gras und Papier mit sich. Das ganze Zeug erreichte Karanka im Nu und flog wie ein Wirbelsturm um ihn herum. Plötzlich ging alles in Flammen auf. Das Feuer wirbelte durch die Luft und erfasste den Alten. Er schrie nicht, er stand nur da und rührte sich nicht. Im nächsten Moment flammte eine gewaltige Explosion auf, das Feuer breitete sich aus wie eine Wolke und walzte alles um den Alten herum nieder um schließlich sofort wieder zu verpuffen. Nur noch ein Häufchen lag dort wo Karanka gestanden hatte und dampfte. 
Axii wurde durch die Explosion nach hinten geworfen und rappelte sich jetzt wieder auf. Er hastete zurück hinter die Mauer. 
 „Axii, verpiss dich von dort“, flüsterte Fanka. 
Er nickte. 

Mittwoch, 30. Juli 2014

Axii XI

Die Dusonstadt leuchtete in allen Farben. Eine Fähre im Landeanflug. Es waren orbitale Schrottsammler. Sie kehrten jeden Abend zurück und gingen durch die Straßen des Sektors in dem die Baustelle des Raumhafens stand. Sie gingen in die Kansas-Bar, um noch ein Bier zu trinken oder auch zwei und dann gingen sie nach Hause und legten sich ins Bett, weil sie am nächsten Tag wieder die Erde verlassen würden, um knapp über ihren Atmosphären Schrott zu sammeln.
Axii hatte einmal eine Dokumentation im Netz gesehen. Die Schrottsammler hatten ihre Weltraum-Motorräder bestiegen und sind durch die Frachtluke in das All hinaus geschwebt. Kleinere Teile fingen sie mit Magneten ein oder sogar mit Netzen, größere Teile schubsten sie einfach zur Erde zurück wo sie dann in der Atmosphäre verglühten. Ganz große Teile brachten sie an Bord ihres Mutterschiffes und zerlegten sie dort – verwertbares nahmen sie mit, den Rest überließen sie wieder der Atmosphäre.
Er ging die Treppe herunter. Unten waren die Dünen, die mit Gräsern überwachsen waren und erst dahinter, hinter vielen von diesen Dünen, begann das Meer. Er setzte sich auf die unterste Stufe, zog sein linkes Bein an seine Brust und legte seinen Kopf auf das Knie. Der Wind wehte sehr schwach heute. Aber auf der anderen Seite der Bucht wurde gefeiert – Feuerwerk explodierte über dem Strand in vielen Farben. Dahinter türmten sich die leuchtenden Ebenen der Stadt in den Himmel auf und noch eine Fähre tauchte aus dem Nichts auf.
Irgendwo dort kletterte Alicen zusammen mit den anderen Wandläufern durch die Strukturen und versuchten nicht entdeckt zu werden. Oder vielleicht ließen sie es drauf ankommen.
Es roch nach Schnee. Letztes Jahr gab es keinen, vielleicht dieses Jahr. Damals, als Axii gerade erst in die Schule kam, hatte es jedes Jahr geschneit. Und der Schnee blieb manchmal eine Woche lang liegen oder mindestens einige Tage. Seit einigen Jahren roch es nur manchmal danach und nicht mehr. Axii konnte sich nicht einmal erinnern, wann ihm das letzte Mal so richtig kalt gewesen ist.
 „Axii?“
Axii drehte sich um. Alicen stand oben auf der Treppe und grinste.
 „Was machst du denn hier?“, fragte er.
  „Und du?“, fragte Axii zurück.
Alicen zuckte mit den Schultern.
 „Hast du Zigaretten?“
Axii schüttelte den Kopf.
  „Warum bist du nicht bei den Wandläufern?“
 „Sie wollten mich noch nicht mitnehmen“, gab Alicen zu. „Ich glaube, sie trauen mir noch nicht besonders.“
Axii stand auf und stieg die Treppe hinauf.
 „Warum bist du noch so spät draußen?“, fragte Alicen.
  „Ich wollte mal sehen was los ist.“
Alicen schaute sich um. Hier standen nur einige alte Ruinen aus der alten Zeit und eine Fabrik für Färbemittel – das einzige Gebäude das beleuchtet war.
 „Jah, nicht übel.“
  „Halt die Klappe“, sagte Axii.
Alicen grinste aber Axii grinste nicht. Er ging an Alicen vorbei.
 „Hab keine Lust nach Hause zu gehen“, sagte er.
Sie gingen über eine Straße mit Schlaglöchern und mit viel Geröll und sagten nichts. Fledermäuse schwirrten knapp über ihren Köpfen hinweg. Ein ziemlich krank-aussehender Mann ging an ihnen vorbei ohne sie zu beachten.
 „Der sah ja übel aus“, sagte Alicen.
Axii sah ihm nach.
  „Ja.“
 „Sag mal, willst du nicht mal mit mir mitkommen – zu den Waldläufern?“
  „Hm? Ich darf ja nicht.“
 „Du darfst nur nicht in das HQ aber ich denke, sie werden nichts dagegen haben, wenn du uns zuschaust, wenn wir Strukturläufe machen.“
Axii lächelte.
  „Klar!“
Alicen verstrubbelte Axiis Haare.

Axii: Oktober