Mittwoch, 31. Oktober 2012

Mal eben


Frau Winter machte die Augen auf. Sie konnte sie nicht ganz aufmachen, dafür war sie zu schwach oder zu müde. Sie fühlte sich eher müde, als schwach aber mit Sicherheit war sie auch schwach, denn sie konnte sich kaum noch bewegen, obwohl sie es vor einigen Tagen noch getan hatte.
Die Schwester stand am Fußende ihres Bettes, vielleicht war es auch dieser Pfleger. Sie schaute nur auf sie herab. Wahrscheinlich machte sie ein zur Situation passende Miene. Vielleicht war sie wirklich traurig oder sogar erschrocken über den raschen Wandel, der sich in Frau Winters Gesicht vollzogen hatte.
In den letzten Tagen hatte eine Schwester ihr noch die Haare gekämmt, weil sie früher gerne gut ausgesehen hatte, zumindest fein. Frau Winter hatte genickt, als sie fragte, ob das so gut ist. Sie konnte im Spiegel nicht viel erkennen, nur eine Frau die im Bett lag aber sie hatte andere Gedanken im Kopf. Der Winter stand vor der Tür und wenn sie sich recht erinnerte, musste dann dafür gesorgt werden, dass genug zu Essen da war – im Keller. Sie wollte sich die Lage mal ansehen, da unten, wenn es ihr wieder besser ging.
Sie fühlte sich trocken an im Gesicht. Vielleicht müsste sie sich mal wieder eincremen. Irgendjemand müsste sie ins Badezimmer schieben aber nur wenn es nicht allzu sehr weh tat. Sie würde ja sehen, es muss nicht unbedingt heute sein.
Eigentlich hatte sie etwas Angst vor dem was auf sie zu kam. Es ging auf einmal so verdammt schnell. Ihren Sohn wollte sie auf jeden Fall noch einmal sprechen. Nur sehen würde ihr sogar ausreichen. Egal wie. Sie musste ihn wohl möglich noch zum Einkaufen schicken, sie hatte das sichere Gefühl, dass einige extra Dosen aus dem Kaufhaus noch nötig seien. Bald würde es schneien, der Winter stand vor der Tür. Sie würde sich die Lage im Keller noch einmal ansehen müssen.
Ihr Gesicht war grau. Vor wenigen Tagen hatte sie noch rote Wangen gehabt. Sie hatte im Garten gearbeitet, musste ja alles für den Winter gemacht werden. Später ist der Boden zu hart. Die Augen fielen in den Kopf hinein, die Wangen auch. Fast so, als würde jemand die Luft aus ihren Kopf pumpen, wie aus einem Ball. Überhaupt traten an den unmöglichsten Stellen ihre Knochen zum Vorschein. Sie wäre gerne ins Bad gefahren worden, um sich etwas frisch zu machen, so konnte sie doch ihre Gäste nicht empfangen. Ihr Sohn wollte kommen und seine Frau und die Kinder. Er müsste noch einkaufen gehen aber darum würde sie ihn erst morgen bitten.
Die Luft war nicht so gut in dem Zimmer. Sie musste tief einatmen und hatte sie gerade überhaupt geatmet? Jetzt hatte sie wirklich Angst. Sie würde doch nicht vergessen zu atmen, oder? War es denn schon soweit? Sie hatte ansonsten keine Schmerzen, nur die Angst tat im Moment etwas weh. Jemand nahm ihre Hand in die seine. Frau Winter hatte die Schwester vollkommen vergessen. Sie lächelte ihr zu aber sie konnte sie nicht mehr sehen. Sie sah aber das Zimmer, sie lag in diesem vollautomatischen Bett in der ersten Etage. Draußen schien die Sonne und es war tatsächlich Winter. Es schneite. Sie konnte ihre Augen nicht mehr aufmachen. Das Sonnenlicht flackerte in Strähnen auf den Wänden im Zimmer. Da stand ihr Sohn mit seiner Frau und er hielt ihre Hand. Aber auch die Schwester war da. Frau Winter hatte sich nicht getäuscht.
Ja, lebt wohl, Kinder. Sie saß auf der Wand an der bunte Bilder hingen. Kalender mit Früchten für jeden Monat des Jahres, ein Bild einer kleinen Katze und eingerahmte Fotos. Etwas zog sie langsam nach oben zur Decke aber das war schon in Ordnung. Sie hatte keine Angst runter zu fallen, es passierte alles mit Ruhe. Nur ihr eigener Körper überraschte sie, als sie ihn im Bett unter sich liegen sah.
Die Schwester nickte. Sie sagte wohl so etwas wie: „Ja, sie ist gegangen.“ und trat einen Schritt zurück. Ihr Sohn hielt noch immer ihre Hand. Er weinte nicht oder so, er schien nur erleichtert und Frau Winter war froh darüber.
Dann sah sie nicht mehr was zur Rechten oder Linken passierte. Dort wurde es zunehmend dunkler und auch unten oder oben konnte sie immer weniger erkennen. Sie blickte durch einen Tunnel, durch ein Rohr welches immer schmaler wurde. Bald konnte sie nur noch einen kleinen Punkt aus hellem Licht sehen und das war die Welt die sie gerade verlassen hatte. Sie war so klein wie ein Stecknadelkopf.

Henry Jones


Henry Jones schnallte sich ab. Irgendwie hatte sich dieser Gurt doch verstellen lassen? Als das Flugzeug in Flughöhe war hatte er es sich sogar erklären lassen aber jetzt erinnerte er sich nicht mehr. Einige Reihen weiter auf der anderen Seite des Ganges saß ein Junge und schaute immer wieder zu ihm herüber. Er war vielleicht 12 Jahre alt. Vorhin hatte Henry ihm die Zunge raus gestreckt aber das schien ihn für den Kleinen nur noch interessanter gemacht zu haben. Henry beachtete ihn nicht mehr. Er hatte eigentlich wichtigeres zu tun aber er fand keine Konzentration, nicht in so einer Höhe, in einer kleinen Büchse über dem Meer. Seine Rede, die er morgen früh in Leipzig halten wollte, brauchte noch einige Notizen und Verweise, an einigen Stellen war er nicht ganz mit seinem Schreiber einverstanden gewesen und wollte sich etwas eigenes überlegen aber wie auch immer, er würde das ganze wohl verschieben müssen. Sobald er im Hotel seine Ruhe hatte würde er sich die ganze Sache mal ansehen. Im Moment schlugen ihm die ungewohnten Geräusche der Motoren auf den Magen und das ständige Auf-und-Ab ließ ihn jedes Mal tief Luft holen. Dabei flog Henry nicht zum ersten Mal, daran gewöhnen würde er sich wahrscheinlich dennoch nie mehr. Abgesehen davon saß er noch nie in einer so kleinen Maschine, hier spürte man umso mehr wo man sich gerade befand. Da war schon wieder dieses Geräusch! Nein, dieses Mal klang es anders...
Dunkle Wolken schlugen gegen das Glas – es war schwarzer Rauch! Henry starrte auf das Fenster, er konnte nicht raus sehen – alles dunkel. Er blickte sich um. Ein verschrecktes Raunen ging durch die enge Röhre. Eine Flugbegleiterin tauchte auf, sie taumelte, als sei sie betrunken. Erst dann merkte Henry dass das Flugzeug schief zur Seite abdriftete. Weiße Wolken zogen nun an seinem Fenster vorbei und Felder einen Kilometer weit weg. Die ersten Schrei und weitere gesellten sich dazu, eine Stimme panisch und die Flugbegleiterin flog in die Reihen zu den Füßen der Passagiere. Henry lag mit seinem Oberkörper auf der Wand und kam in dieser Position nicht umhin aus dem Fenster zu starren und den Erdboden rasend schnell auf sich zukommen zu sehen. Doch das Flugzeug stabilisierte sich langsam wieder. Die Flugbegleiterin stand wieder auf.
Bitte bewahren sie Ruhe und hören sie mir zu!“
Das Geschrei wurde nach diesen Worten schlagartig leiser aber nicht ganz. Das Flugzeug hatte sich wieder auf den Bauch gelegt – die Flugbegleiterin konnte aufrecht stehen.
Sie sehen über sich...“, begann sie und wurde unterbrochen.
Runter, runter!“
Der Pilot hatte durch die Sprechanlage geschrien – im selben Moment krachte es. Das Flugzeug schien von 600 km/h auf 0 km/h in nur wenigen Sekunden ab zu bremsen und die Sitzreihen glichen und fühlten sich an wie eine Achterbahn die sich abrupt in Bewegung setzte um gleich darauf gegen eine Wand zu fahren. Sitzreihe um Sitzreihe krachte auf ihren Vordermann und quetschte ihn mit Wucht gegen den nächsten Vordermann. Auf Höhe der Fenster zersprang die Röhre, riss auf wie mit einem unsichtbaren Messer aufgeschlitzt, wie durch verkrustete Butter. Die gestapelten Sitzreihen kippten teilweise aus dem Riss hinaus ins Freie. Die Flugzeugwände wellten sich und verbogen sich, als seinen sie aus etwas Gummiartigem mit viel Styropor dran welches in Splittern durch den Raum flog.
Henry hatte es aus seinen Sitz geworfen. Er hatte fast einen halben Salto hingelegt, dann knallte er gegen die Decke und spürte nur noch wie er in die Tiefe fiel, als er plötzlich kalte Luft auf seiner Haut vernahm. Er atmete Rauch ein und seine Augen schienen voller Sand zu sein. Durch Tränen sah er etwas Grünes vor sich. Die Sonne ging gerade auf, es war feucht. Er hörte schrille Sirenen die keine Pause machten und Feuer prasselte in seinen Ohren. Blinzelnd und über seine Augen wischend versuchte er mehr zu erkennen. Er setzte sich mit Leichtigkeit auf, er hatte sich nicht einmal etwas gebrochen und er hatte sich selten so stark gefühlt – wenn nicht dieser Sand in seinen Augen wäre.
Die Sirenen schrillten um ihn her und griffen seine Nerven an aber es waren gar keine Sirenen – da schrien viele Menschen auf einmal. Ein Auge hatte er schließlich gesäubert und sah... Maisstauden.

Freitag, 26. Oktober 2012

dskhaled


Khaled schloss die Mappe. Er hatte gelesen, als das Mädchen in seine Paxis kam. In einem sehr beschädigtem Zustand. Sie humpelte an sein Pult und stützte sich ab.
Ich brauche Hilfe“, sagte sie.
Khaled nickte. Er sprach nur sehr selten, denn noch immer fiel ihm die Sprache sehr schwer.
Meine Füße sind kaputt und einpaar Rippen auch.“
Khaled stand auf, legte seine Mappe in die Schublade, dann kam er um den Pult herum, um sich das Mädchen genauer anzusehen.
Du bist n Roboter?“
Sie schüttelte den Kopf.
Ein Mensch“, sagte sie.
Khaled nickte. Er kannte sich auch mit der menschlichen Anatomie aus, sie hatte große Ähnlichkeit mit der eines Roboters aber die Vorgehensweisen um einen Roboter oder einen Menschen zu reparieren unterschieden sich sehr.
Welche Prothesen?“, fragte er.
Das Mädchen schien ihn für einen kurzen Augenblick zu scannen.
Mein Gehirn ist organisch“, sagte sie dann.
Khaled nickte nur.
Setz dich“, sagte er und zeigte auf seinen Pult. „Ich gucke erst deine Füße an.“
Das Mädchen setzte sich. Ihre Arme zitterten leicht und sie hielt ihre Augen nur mit Mühe offen. Khaled kannte die Symptome. Er ging durch den Raum und machte eine Türe auf hinter der sich ein kleiner Abstellraum verbarg. Dort standen künstliche Organe in Gläsern auf Regalen, Arme, Beine und jede Menge Medikamente.
Iss“, sagte Khaled. Er reichte dem Mädchen zwei Zuckerwürfel. Sie schnappte sie ihm aus der Hand und schmiss sie sich in den Mund. Dann beobachtete sie den Mann wie er sich vor sie hin kniete und ihr die Schuhe und Socken auszog, um sich die kaputten Füße an zu sehen.
Kannst du dein Fuß bewegen?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf.
Was hast du gemacht?“, fragte er.
Gespielt.“
Khaled konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er stand wieder auf, um ein Skalpel aus dem Abstellraum zu holen.
Ich mach die Haut ab und versuch zu reparieren, okay? Kannst du bezahlen?“
Das Mädchen nickte. Sie machte ihre Lederjacke auf. Dann legte sie eine Identifikationskarte auf den Pult.
Deine?“, fragte Khaled.
Das Mädchen sah ihn böse an.
Acha“, machte Khaled. Er schnitt den Fuß des Mädchens der Länge nach auf und zog die Haut auseinander. Die kybernetischen Knochen darunter waren alle gebrochen und hatten sich tief durch das andere Gewebe gebohrt und somit sehr wahrscheinlich auch viele Rezeptoren zerstört. Auch entdeckte er einige kleinere Brandstellen, was darauf schließen ließ, dass das Mädchen aus einer großen Höhe gesprungen sein muss. In einem solchen Fall wurde sehr viel mehr Energie in die stark beanspruchten Regionen des Körpers geleitet – bei einem Aufprall entlud sich diese Energie, wenn die Materie brach.
Ich wechsle Knochen aus und alles ist okay aber du kannst dann weniger fühlen“, erklärte Khaled und das Mädchen nickte.
Er machte sich an die Arbeit. Mit einem Gerät das wie ein Lötstab aussah löste er die Knochen und nahm sie aus den Füßen des Mädchens. Dazu musste das Mädchen mit ihrem Gehirn zulassen, dass ihre Knochen sich lösen ließen. Früher, als es diesen Schutzmechanismus noch nicht gab, gab es Waffen, die gegen kybernetische Menschen verwendet werden konnten. Man konnte sie mit einer Fernbedienung auseinander nehmen und sie fielen einfach in sich zusammen, wie mit Stangen und Stöckchen gefüllte Säcke.
Ich kenne sie nicht“, sagte das Mädchen.
Khaled sah auf. Er hatte die letzten Stücke aus dem Gewebe geholt.
Ich bin noch nicht lange hier“, sagte er.
Andere würden das nicht machen“, sagte sie.
Khaled besprühte die offenen Stellen mit einem Desinfektionsmittel welches gleichzeitig Millionen Bakterien enthielt, die ihre Arbeit aufnahmen. Er stand auf um die neuen Knochen zu holen. Sein Blick fiel auf die Identifikationskarte auf dem Pult. Der Name auf der Karte war der eines Mannes. Das Mädchen legte ihre Hand auf die Karte. Khaled legte die neuen Knochen in Position.
Nicht bewegen – deine Füße jetzt“, sagte er.
Er schloss die Haut mit einem Laser, welcher auch an diesem merkwürdigen Lötkolben war.
Die Narbe geht weg.“
Er nahm einen Stift aus seiner Hemdtasche – ein Naniten-Pen. Er drückte das spitze Ende ins Schienbein des Mädchens und drückte am anderen Ende einen Knopf herunter. Eine Weile wartete er, bis der Inhalt ganz initiiert war, dann atmete er aus.
Fertig.“

dsalice (Battle Angel Alice) ;p


Der größte Teil der Dusonstadt lag unter einem Nebel. Viele Türme ragten aus den Wolken heraus. Große Zeppelin flogen dazwischen und leuchteten ihre Werbung in den Raum. Am Horizont landete eine Raumfähre. Hier oben war die Milchstraße zu sehen und tausende Sterne. Die Geräusche klangen dumpf aus der trüben Suppe die sich über die Stadt gelegt hatte.
Alice saß auf einem dicken Stück Kabel das aus der Wand eines Wolkenkratzers ragte und den Zeppelin und anderem Flugverkehr als Energiezufuhr diente. Sie lehnte mit dem Rücken an der kalten Wand des Gebäudes und schaute zu den Sternen auf. Ihre Beine schwang sie hin und her, ganz sorglos, als würde sie nicht in 3 Kilometern Höhe auf einem Stück Kabel sitzen sondern auf einer kleinen Mauer in einem Vorgarten der Außenbezirke.
Der Wind trieb ihr pechschwarzes Haar in den Osten, ihr Blick hatte einen Stern im Westen fixiert. Es war ein besonders heller Stern, vielleicht gar kein Stern, ein Planet oder etwas großes im Orbit des Planeten.
Der Nebel riss an einer Stelle auf. Darunter brannte helles Licht in vielen Farben aber vor allem gelb und weiß – so hell, dass es blenden konnte. Dann schloss sich das Loch langsam wieder. Doch Alice hatte etwas entdeckt. Jemand hatte vergessen ein Fenster zu schließen und das war eine Chance für sie. Bevor sie sich vergewissern konnte, hatte der dichte Nebel die Lichter wieder verschlungen.
Sie stand auf. Schaute über die aufragenden Türme hinweg, ließ ihren Blick schweifen. Ein Zeppelin näherte sich ihren Turm unter ihr. Viel zu tief, sie musste sich beeilen. Sie sprang hinunter auf ein Lüftungsschacht – ihr Aufprall war so heftig, dass sich das Metall unter ihren Füßen verbog. Sie nahm keine Notiz davon, sprang noch einige Meter in die Tiefe und landete auf einer Luftverkehrslampe und Antenne. Das rote Licht am Ende der langen Antenne schwang hin und her aber sie hatte sich schon in den Raum geworfen und klatschte der Länge nach auf der Oberfläche des Zeppelin-Tanks.
Sie hatte nicht viel Zeit, setzte sich sofort auf, machte ihre Lederjacke auf und kramte aus der Innentasche einen Kommunikator heraus. Schon kamen zwei spinnenartige Reperatur-Roboter (SB-WK Arach-Typ) über den Tank auf sie zu gekrochen. Sie zielte mit ihrem Kommunikator wie mit einer Fernbedienung auf einen der Roboter und dieser blieb stehen. Der andere hatte sie bereits erreicht. Er hatte den Alarm ausgelöst, da war sich Alice sicher, trotzdem schaltete sie auch den zweiten aus. Sie musste weiter.
Der Zeppelin flog schwerfällig an einem weiteren Turm vorbei und Alice sprang. Sie konnte sich an einer Schiene für die Erbauer-Einheiten fest klammern. Über ihr arbeitete ein solches Monstrum. Gigantische, unförmige Panzer mit vielen Roboterarmen, Antennen und über und über mit Rohren und Kabeln bespannt. Sie sahen eher aus, wie ein Haufen Schrott, den jemand künstlerisch zu gestalten versucht hatte.
Alice kletterte an der Schiene hinunter. Sie tauchte in den dichten Nebel und spürte wie die Feuchtigkeit unter ihre Kleider kroch und sich auf ihre Haut legte. Sie spürte die Spannung auf ihrem Körper steigen. Ihre Haare waren schon elektrisiert und standen ihr zu berge. Sie kletterte unbeirrt weiter. Es wurde wärmer, sie kam den Lichtern näher, konnte sie durch den Nebel soft leuchten sehen. Dann knisterte es zwischen ihren Fingern. Das Metall aus dem die Schiene bestand reagierte mit ihrem Körper. Kleine Blitze blitzten auf, wenn sie ihre Hand vom Metall nahm und kitzelten etwas schmerzhaft. Alice vergaß den Schmerz lieber, sie musste sich konzentrieren, unter ihr war die Stadt immer noch etwa 2 Kilometer weit weg.
Eine Verkehrsdrohne zischte nur einen Meter an ihr vorbei. Alice drückte sich gegen die Wand aber es war zu spät. Heute war anscheinend nicht ihr Tag. Die Drohne wurde langsamer, kam zum Stillstand und drehte dann um. Irgendein Penner bei einem neugierigen Sender hatte sie entdeckt!
Alice ließ los.

Samstag, 20. Oktober 2012

dstiara IV

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Tiara war dieses Mal alleine in der Ruine der Rattentiere. Die anderen Zwei waren noch in der Schule. Sie lernten wie man in der Öde überlebt. Tiara war nur einmal in diesem Unterricht aber sie kam mit dem Lehrer nicht so gut zurecht. Er hatte die Afrikaner alle als böse abgestempelt und sooft er konnte zog er über sie her. Er hatte ihnen in ihrer ersten Stunde zu erklären versucht, wie man sie am besten töten konnte.
Tiara hatte noch nie einen Afrikaner kennen gelernt aber sie konnte sich nicht vorstellen dass alle so böse waren, wie die Schwarzen, die die Farmen angriffen. Man erzählte oft, dass sie so schwarz geworden sind, weil sie grausam und nichts Gutes in sich trugen. Tiara konnte sich aber nicht vorstellen das der menschliche Körper zu solchen Veränderungen imstande war. Sie mussten sich mit Farbe bemalen oder vielleicht war es ein Medikament mit dem sie sich ein kremten, genau wie das Spray von Dr. Radon.
Hinter ihr tapste etwas Klauenbesetztes über den schmutzigen Boden. Sie drehte sich um. Ein Rattentier beäugte sie vom Eingang zu ihren Treffpunkt. Sie machte einen Schritt hinter den Schreibtisch und starrte das Tier an. Es bewegte sich nicht.
Na du?“, sagte Tiara unsicher.
Die Ratte schoss mit wirbelnden Schwanz auf sie zu. Tiara riss die Augen auf, sie sprang. Die Ratte versenkte ihre spitzen Zähne in ihrer Jeans. Tiara landete auf dem Schreibtisch, das Rattentier löste sich von ihr und landete mit einem Klatschen auf dem Boden und fauchte wild. Tiara sprang auf der anderen Seite des Schreibtisches herunter und rannte aus dem Raum hinaus in den Flur – direkt auf das weit aufgerissene Maul eines zweiten Rattentieres. Dieses Vieh war doppelt so groß. Tiara trat mit voller Wucht in ihre Richtung, im selben Moment sprang das Tier – es sprang in Tiaras Tritt hinein und wurde gegen die Wand geschleudert. Tiara rannte weiter bis zur Treppe. Mit rasendem Herz sprang sie hinunter in die Eingangshalle des Gebäudes, rutschte auf der letzten Treppe aus, taumelte und hörte noch mehr Fauchen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie ein weiteres Vieh – bereits im Sprung. Da sie ohnehin gerade ihr Gleichgewicht verlor, ließ sie sich einfach fallen. Das Tier segelte über sie hinweg und landete auf dem Boden – es wirbelte sofort herum und fauchte ihr ins Gesicht. Tiara ballte die Hand reflexartig zu einer Faust und Schlug mit ihr auf den Kopf der Bestie. Es knirschte, das Tier schrie, es warf sich auf die Seite – Tiara sprang auf – der Schwanz des verendenden Rattentieres erwischte sie im Gesicht. Sie fiel wieder hin. Es war tot. Etwas schweres landete zischend auf ihrem Rücken und sie spürte je 4 bis 5 Krallenpaare in ihre Haut dringen. Sie schrie auf, rollte sich auf den Rücken, dass es der Ratte die Luft aus den Lungen trieb und das nächste wollte ihr bereits ins Gesicht springen. Mit einem Fuß erwischte sie es in der Luft – es flog davon. Sie rappelte sich wieder auf, dass Vieh auf ihrem Rücken ließ von ihr ab. Sie rannte wieder.
Sie rannte durch das tote Gras und über Geröll eines eingestürzten Schornsteins. Und erst als sie das Loch erreichte und bis zur Taille im Wasser stand blieb sie stehen und drehte sich um. Keines von ihnen war ihr gefolgt. Sie atmete schwer, ihre Wange tat weh und ihr lief der Schweiß übers Gesicht. Sie holte tief Luft und atmete langsam aus.
Bravo, Kid. Yeah, du wars echt gut.“
Tiara zuckte zusammen. Am Ufer saß ein Schwarzer. Er hatte nur Jeans an aber seine Rüstung und seine Schuhe, sowie seine Waffen lagen nicht weit von ihm entfernt auf einem Haufen. Er lächelte. So helle Zähne hatte Tiara noch nie gesehen.
Du kommst aus Dyson-City, yeah?“
Tiara nickte.
Ich muss auch bald wieder Zuhause sein“, sagte sie mit zitteriger Stimme. „Meine Mutter wartet schon auf mich, ich... muss ihr noch bei etwas helfen.“
Der Schwarze nickte. Er schüpfte mit seinen großen Händen etwas Wasser aus dem Loch und wusch sich das Gesicht. Die schwarze Farbe ging nicht ab – im Grunde war er gar nicht schwarz sondern eher braun.
Was machst du hier?“, fragte Tiara. Vielleicht war er noch nicht ganz so grausam wie die ganz Schwarzen. Ein Auszubildender sozusagen.
Ich wash mich, hab mene Einheit im Sandsturm verloren“, sagte er, aber allzu besorgt tat er dabei nicht.
Tiara kam Schritt für Schritt aus dem Wasser raus.
Wollt ihr die Stadt angreifen?“, fragte sie. Sie ging langsam am Ufer entlang auf ihn zu. Hinter ihm war der Zugang zum Loch. Sie würde Notfalls über die Sandberge die das Loch umgaben fliehen müssen aber dann würde er sie womöglich einholen.
No! Wir haben doch enen Nichtangriffs-Pakt was die City betrifft“, sagte er, „und daran halten wir uns, auch wenn euer Leader nicht mehr lebt – Ehrensache, verstehst du?“
Tiara wusste ganz genau, dass sie einem Schwarzen nicht trauen durfte aber es fiel ihr im Moment ziemlich schwer, da er sich so menschlich verhielt, wie jeder andere Mensch auch den sie bisher kennen gelernt hatte. Sicher, er trug schwere Waffen bei sich und eine Soldatenrüstung und alles aber viele Menschen in Dusonstadt taten das auch und im Moment kniete dieser Mann am Ufer des Lochs und gedachte sich einfach nur zu waschen, wie es schien.
Warum... lässt du mich vorbei?“, fragte sie ihn. Eigentlich wollte sie fragen, warum er sie nicht tötete aber sie wollte ihn lieber nicht auf falsche Gedanken bringen.
Geh ruhig“, sagte er und lächelte sogar und wieder fand Tiara seine weißen Zähne wundersam. „Du hast nichts, das ich brauche.“
Tiara ging an ihm vorbei, beim Vorbeigehen betrachtete sie seine Haut genauer. Keine Farbe. Seine Haut war braun.

Unendliche Weiten (3)