Dienstag, 18. November 2014

Abzug 2

Tenta, Kanbano, Jugo, Drew und Egid und Frek kamen auf dem Parkplatz vor dem Center raus. Tenta setzte seine Capy ab und sah sich um.
„Wo ist sie?“, fragte Jugo.
Tenta zuckte mit den Schultern.
„Sie wollte hier auf uns warten.“
Drew nahm seinen Kommunikator aus der Tasche. Er drehte sich von den anderen weg.
„Moment noch“, sagte Kanbano zu Egid, „sie müsste gleich da sein.“
„Wir müssen gleich wirklich weg“, sagte Egid.
„Wartet bis sie da ist, du willst doch nicht mit einem geklauten Komm abhauen, oder?“
Egid schaute auf den Boden.
„Es ist nicht geklaut“, sagte Frek.
„Willst du sagen, dass ich lüge, oder was?“
„Bleib ruhig, Achmed“, sagte Jugo.
„Leute, sie hat mir gerade geschrieben, sie wollte nicht mehr warten, sie ist jetzt an der Haltestelle am Silman“, sagte Drew und zeigte Tenta den Bildschirm seines Komm.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein“, sagte Kanbano.
„Los, wir gehen dahin“, sagte Tenta, „los!“
Er schubste Egid an und sie liefen alle über den Parkplatz.

Silman wurde umgebaut. Die Einkaufswagen lagen unter einem Haufen Schutt.
„Sie schreibt jetzt, dass sie im nächsten Bus sein wird – wir sollen in den nächsten Bus einsteigen“, sagte Drew.
„Alles klar“, sagte Tenta. „Zeig mir nochmal den Komm.“
Frek gab ihm seinen Kommunikator.
„Das kann kein Zufall sein“, murmelte Tenta. „Hier!“ Er gab Frek das Gerät wieder.
„Wohin fährt der Bus?“, fragte Egid.
Kanbano zuckte mit den Schultern und gähnte.
„Ich muss um 16 Uhr Zuhause sein.“
„Erst klären wir die Sache mit dem geklauten Komm, du glaubst doch nicht, dass wir euch einfach ziehen lassen. Kann schon sein, dass ihr es nicht geklaut habt aber das Teil gehört bestimmt nicht euch – vielleicht hat es euch jemand zugesteckt oder was weiß ich“, sagte Drew.
Tenta machte sich eine Zigarette an. Er bemerkte, dass Egid ihn beobachtete.
„Willst du auch eine?“, fragte er.
Egid schüttelte den Kopf.
„Rauch eine mit“, sagte er. Er reichte ihm die offene Packung.
„Ich rauche nicht“, sagte Egid.
„Nimm eine!“
Egid nahm eine Zigarette aus der Packung und hielt sie unsicher in beiden Händen.
„Du musst sie in den Mund stecken“, lachte Kanbano.
Egid steckte sie sich zwischen die Lippen und Tenta zündete sie ihm an.
„Ziehen“, sagte er, während er sich seine anzündete und Egid aus den Augenwinkeln beobachtete.
Egid zog einmal dran und pustete den Rauch wieder aus.
„Na also“, sagte Tenta. Auch er zog an seiner und blies den Rauch wieder aus. „Und jetzt musst du den Rauch einatmen.“
Egid schüttelte den Kopf.
„Komm, ich mach das auch.“
Tenta zog kräftig und atmete den Rauch tief ein. Dann hustete er in kleinen Wölkchen. Jugo lachte und schlug seinem Freund auf den Rücken.
„Hör auf, scheiße!“
Egid nahm einen Zug und atmete ein. Es fühlte sich an, als hätte er Mehl eingeatmet aber er pustete den Rauch in einer geraden Wolkenlinie wieder aus ohne zu husten.
„He, der kann das besser als du, Tenta“, rief Kanbano.
Tenta hustete noch einpaar Mal, dann klopfte er Egid auf die Schulter.
„Scheiße, wie machst du das?“
Egid zuckte kurz.
„Wie heißt ihr überhaupt?“, fragte er.
„Ich bin Achmed“, sagte Tenta.
Kanbano lachte wieder.
„Das ist Jusuf“, stellte Tenta Kanbano vor.
„Und ich bin Detlef“, sagte Drew.
Tenta fing wieder an zu husten und versuchte gleichzeitig zu lachen.
„Mein Name ist Brunhilde“, stellte sich Jugo vor und gab Egid seine Hand.
Tenta musste sich hinknien und schlug mit der Faust auf sein Bein.
„Haha“, sagte Egid.
„Was Haha? Glaubst du uns nicht, dass wir so heißen? Findest du unsere Namen komisch?“, fragte Drew, „wie heißt du denn?“
„Egid.“
„Na also, das ist auch ein ziemlicher Psychoname.“
„Und du?“, fragte Kanbano Frek.
„Frek.“
Der Bus hielt an. Sie gingen alle hinein. Eine Frau stieg aus, klappte ihren Regenschirm auf und wechselte die Straßenseite. Es fing gerade an zu rieseln.

Im Bus setzten sie sich alle in die letzte Reihe am Heckfenster. Vor ihnen saß ein Mann der aus dem Fenster schaute und eine Frau die ein Buch las.
„Wo wohnt ihr“, fragte Jugo Egid.
„In Hamburg“, antwortete er.
„Das ist fast an der Küste, oder?“, fragte Drew.
Egid nickte.
„Dann seid ihr reich, oder?“, fragte Tenta.
Egid zuckte mit den Schultern.
„Nein, wir sind nicht reich“, sagte Frek.
„Erzähl keinen Dung“, sagte Drew.
Tenta setzte sich neben Egid.
„Zeig mal deinen Player“, sagte er.
Egid machte seine Jacke auf und holte seinen Musikspieler aus der Innentasche. Tenta griff blitzschnell in die andere Tasche und nahm Egids Kommunikator raus.
„Warum hast du uns nicht gesagt, dass du auch so ein neues Teil dabei hast?“, fragte er.
Egid sagte nichts.
„Scheiße, dass ist das neueste Teil“, rief Tenta. Er reichte es an Jugo weiter.
„Das war bestimmt teuer, nicht wahr?“, fragte Jugo und sah es sich an.
Tenta gab Egid einen Klaps auf den Kopf.
„Wolltest du das Teil vor uns verstecken?“, fragte er.
Egid schüttelte den Kopf.
„Das soll ich dir glauben?“
„Lass ihn“, sagte Jugo. Er gab Egid seinen Komm wieder. Drew riss es ihm aber sogleich aus der Hand.
„He! Das Teil kommt mir bekannt vor“, rief er, „ihr müsst nämlich wissen, meiner Schwester wurde vorletzte Woche auch ein Komm geklaut!“
Die anderen lachten, außer Egid und Frek.
„Nein, komm schon, Junge“, sagte Jugo, „gib es ihm zurück, wir klauen nichts.“
Drew gab es Egid wieder.
„Scherz“, sagte er.
Der Bus hielt. Ein junger Mann stieg ein. Er hatte sehr lange Haare die er zu unzähligen, dünnen Strähnen zusammen gebunden hatte. Kanbano lachte drauf los, als er ihn sah.
„Schaut euch die Frisur mal an“, sagte er ohne seine Stimme zu senken.
Der junge Mann grinste und setzte sich.
„Gibst du mir jetzt den Player oder nicht?“, fragte Tenta an Egid gewandt.
Egid gab ihm den Player und seine Kopfhörer.
„Was hast du für Musik drauf?“
„Verschiedenes.“
Tenta setzte die Kopfhörer auf und machte den Player an. Er hörte eine Weile.
„Du stehst auf Elektronisch, was?“
Egid zuckte.
Kanbano schlich sich an den jungen Mann heran. Er setzte sich in die Reihe hinter ihn und zog kurz an einer seiner Strähnen, dann versteckte er sich zwischen den Sitzen. Der Mann drehte sich um, er konnte Kanbano nicht sehen, sah aber die grinsenden Gesichter von Drew und Jugo.
„Was soll der Quatsch“, fragte er ruhig.
„Was denn?“, fragte Drew und Jugo setzte eine unschuldige Miene auf. Drew schüttelte den Kopf und tat so als würde er eine Nachricht über seinen Komm senden wollen.
Der Mann drehte sich wieder um. Er krammte in seiner Tasche und nahm einen Player raus, steckte sich die Kopfhörer in die Ohren und lehnte sich wieder in seinen Sitz zurück. Kanbano tauchte hinter ihm wieder auf und zog noch einmal an seinen Haaren aber dieses Mal drehte sich der Mann rechtzeitig um. Kanbano grinste.
„Tut mir Leid“, sagte er, „ich habe noch nie so eine Frisur gesehen.“
„Ach ja“, sagte der Mann nur und drehte sich wieder weg.
Kanbano drehte sich zu seinen Freunden um. Sie zischten ihm zu, er soll noch einmal machen. Kanbano drehte sich also wieder zu dem Mann um und schnippte mit den Fingern gegen eine der Strähnen.
Der Mann nahm die Kopfhörer aus seinen Ohren und drehte sich zu Kanbano um.
„Komm schon, lass das sein, ja?“
„Ja ich lass es“, sagte Kanbano, „tut mir Leid.“
Der Bus hielt und die Frau mit dem Buch stieg aus.
„Die Musik ist gut, Egid, hast einen guten Geschmack“, sagte Tenta und gab Egid seinen Player wieder.
Kanbano setzte sich auf den Sitz neben dem jungen Mann.
„Entschuldigung“, sagte er, „was hören sie da für Musik?“
„Kennst du nicht“, sagte der Mann.
„Vielleicht doch“, sagte Kanbano.
„Bob Marley.“
Kanbano machte große Augen.
„Mein Onkel heißt auch so“, rief er.
„Tatsächlich?“, sagte der Mann tonlos.
„Aber er ist Metzger“, sagte Kanbano. Drew lachte.
Wieder hielt der Bus.
„An der nächsten steigen wir aus“, sagte Tenta.
„Wohin bringt ihr uns?“, frgate Frek.
„Keine Ahnung“, sagte Tenta.
Jugo lachte.
„Mach denen doch keine Angst“, sagte er. „Ruhig Leute! Wir bringen euch später wieder nach Hause.“
„Kann ich mir mal Bob Marley anhören“, fragte Kanbano den jungen Mann. Der hatte aber genug.
„Nein, hau ab, okay?“
„Warum, hab ich etwas falsches gesagt?“
Der Mann stand auf.
„Geh zu deinen Freunden zurück“, sagte er und ging durch den Gang nach Vorne.
„Angeschwollene Muschi“, rief Kanbano ihm nach.
„Wir steigen aus“, sagte Tenta.

Der Bus hielt. Sie waren in Lalande am Stadtrand. Das Ödland erstreckte sich bis zu einem Wald auf hohen Hügeln.  

Abzug

Center. 12 Uhr 33. Jugo saß auf dem Boden, er spiegelte sich in den Platten unter ihm. Eine Frau kam vorbei, sie hatte hohe Absätze. Jugo blickte nicht auf, er konnte sich vorstellen wie sie aussah. Tenta platzierte seine Capy schief auf seinem rasierten Kopf. Ein Mann in Grau kam vorbei und auf der anderen Seite schleppte eine Mutter ihr Kind hinter sich her. In den Schaufenstern an denen sie vorbei hasteten standen große Flachbildmonitore in schwarzer und silberner Farbe. Dann kamen zwei Jungen durch die Mitte der Halle und blieben stehen.
„Er hat einen Kommunikator dabei“, bemerkte Tenta.
„Jo“, sagte Jugo.
Drew und Kanbano kamen von der öffentlichen Toilette zurück.
„Checkt ihr wieder kleine Kinder ab?“
„Er hat einen Kommunikator dabei“, wiederholte Tenta nur.
Drew zuckte mit den Schultern, Kanbano zog sich seine Mütze über. Ein Typ von der Security kam vorbei, um einen Blick auf die 4 Jungs zu werfen. Er nickte beim Vorbeigehen. Tenta lächelte freundlich zurück.
„Willst du sie abziehen?“
„Klar, könnte sein, dass es das Teil ist, dass meiner Schwester geklaut worden ist“, sagte Tenta. Die anderen lachten.
„Du hast keine Schwester, Tenta – tut mir Leid“, sagte Kanbano.
„Langsam galubst du selbst an den Scheiß“, lachte Jugo.
Tenta grinste.
„Also, was ist? Wer geht hin?“, fragte Drew.
Jugo stand auf.
„Lasst mich das machen“, sagte er.
„Ich komme mit“, sagte Drew.
Jugo ging zu den beiden Jungen herüber. Tenta und Kanbano verzogen sich in den Laden vor dem sie gerastet haben. Drew ging langsam hinter Jugo her.
„Lass die, das ist es nicht“, rief er Jugo zu.
Jugo stand vor den beiden Jungen.
„Wisst ihr wie spät es ist?“
„Was?“, fragte Egid, er hatte lange blonde Haare und trug große Kopfhörer die er jetzt absetzte.
„Wie spät es ist“, sagte Jugo.
Drew stellte sich neben den anderen Jungen.
„Ich weiß nicht“, sagte Egid und klemmte sich seine Strähnen hinter die Ohren.
Sein Freund, Frek, holte sein Kommunikator aus der Jackentasche.
„Es ist 12 Uhr 38“, sagte er.
„He!“, rief Jugo.
Er zeigte auf den Kommunikator.
„Kann ich das Teil mal sehen?“
Frek schüttelte den Kopf.
„Komm, ich will es mir nur mal ansehen“, drängte Jugo.
„Sieht aus wie der von T- dingens Schwester“, sagte Drew.
„Wo hast du den her?“, fragte Jugo.
Egid machte einen Schritt zurück und blickte vorsichtig nach Links. Eine alte Frau wackelte am Brunnen in der Mitte der Halle vorbei, sie kam auf sie zu.
„Ich hab es geschenkt bekommen“, sagte Frek.
Jugo stellte sich nah an Egids Seite.
„Der Schwester eines Freundes von uns wurde so ein Teil letztes Wochenende geklaut – es sah genau, wie dieses hier aus“, sagte er.
„Nun zeig doch mal“, sagte Drew und nahm Frek den Kommunikator aus der Hand.
„Ich habe es von meinen Eltern geschenkt bekommen“, sagte Frek.
Drew reichte den Kommunikator an Jugo weiter.
„Das ist er“, sagte Jugo, „die gleichen Kratzer auf der Rückseite, schau.“
Er zeigte Drew die Rückseite des Gerätes.
„Scheiße, ja“, bestätigte Drew. „Du hast es von deinen Eltern?“
„Ja“, sagte Frek.
Egid machte einen weiteren Schritt zurück und schielte nun zur rechten Seite. Die wackelige Oma war schon an ihnen vorbei. Jetzt kamen zwei Männer in Anzügen auf sie zu, die sich beide über etwas unterhielten und keine Notiz von ihrer Umgebung nahmen. Auch sie gingen vorbei.
„Junge, bleib doch mal stehen“, sagte Jugo, „wir wollen euch doch nichts tun.“
„Quatsch“, bestätigte Drew, „aber wir müssen das jetzt echt mal klären, weil das Teil sieht wirklich so aus, wie der Komm von Achmeds Schwester.“
Jugo lachte.
„Achmed“, prustete er, „echt, Scheiße, an den Namen gewöhne ich mich nie.“
„Ja, lass mal“, winkte Drew ab. Er gab dem Jungen seinen Kommunikator zurück. „Wartet hier, ich hole Achmed, wir klären das mal, okay?“
Die beiden Jungen nickten. Drew drehte sich um und lief in den Laden in dem Tenta und Kanbano verschwunden waren.
„Tut mir Leid, echt Leute, aber das ist wichtig, es dauert nur 5 Minuten. Wir müssen uns sicher sein, dass es nicht das Teil von Ten- dings- Achmeds Schwester ist.“
„Ich hab es aber nicht geklaut, ich hab die Quittung noch“, sagte Frek.
„Echt? Hast du sie dabei?“
Frek schüttelte den Kopf. Drew kam mit Tenta und Kanbano zurück. Sie stellten sich in einem Halbkreis um die beiden Jungen.
„Zeig mir mal den Kommunikator“, sagte Tenta.
Frek gab ihm das Gerät.
„Und?“, fragte Jugo, „sieht doch wie das von deiner Schwester aus, oder?“
„Das ist das Teil von meiner Schwester, scheiße wo hast du es her?“, fragte Tenta. „Wo warst du letztes Wochenende?“
„Zuhause“, sagte Frek.
„Wart mal, er sagt, er hat die Quittung für das Teil“, sagte Jugo.
„Hast du sie dabei?“, fragte Tenta.
Frek schüttelte wieder den Kopf.
„Hast du es meiner Schwester geklaut? Letztes Wochenende!“ Tente packte Frek am Kragen seiner Jacke. Jugo hielt ihn sofort zurück.
„Bleib ruhig, Achmed. Bist du dir echt sicher, dass es das Teil von deiner Schwester ist? Ich meine, die klauen doch nicht so ein Teil, schau doch mal wie die aussehen.“
„Achmed!“, lachte Kanbano.
„Halts Maul, Junge“, zischte Jugo aber Kanbano musste trotzdem lachen – er drehte sich um.
„Ich hab es von meinen Eltern geschenkt bekommen“, sagte Frek noch einmal.
„Da hörst du es“, sagte Jugo, „lass ihn los, du erreichst nichts, wenn du ihn so anmachst. Wir fragen einfach deine Schwester.“
Tenta ließ Frek los.
„Tut mir Leid, Jungs, Tenta ist ziemlich angepisst wegen der Sache, er ist sonst nicht so“, erklärte Jugo. „Das sollten wir aber echt klären, versteht ihr, Achmeds Schwester ist nicht weit von hier, wenn ihr jetzt mit kommt, dann können wir alles auflösen.“
„Ne, ich komm nicht mit“, sagte Egid.
„Was?“, fragte Drew. Er kam auf Egid zu und Egid machte einige Schritte zurück. Er schüttelte den Kopf.
„Ich komme – wir kommen nicht mit.“
Frek schüttelte auch den Kopf.
„Wir müssen unsere Linie erreichen, die fährt in 10 Minuten“, sagte er.
„Dann gibt uns das Teil, wir gehen zu meiner Schwester und checken das – wir bringen es euch danach wieder – welche Haltestelle müsst ihr?“
„Nein, ich kann das nicht weggeben“, sagte Frek.
Tente wirbelte einmal um seine eigene Achse.
„Scheiße, was denn dann? Das Ding gehört meiner Schwester, ich weiß es! Willst du mich verarschen?“
„Bleib mal locker“, sagte Jugo.
„Ja, ganz ruhig, wir klären das schon“, sagte Kanbano grinsend. „Achmed.“
„Leck dich, Jusuf“, zischte Tenta.
Jugo atmete einmal tief ein.
„Okay, Jungs, ihr müsst euch mal entscheiden, entweder ihr kommt mit und wir klären das mit Achmeds Schwester oder ihr gibt uns das Ding und wir bringen es euch gleich wieder, das ist doch kein Fall – kommt schon, wir sind hier in 5 Minuten fertig, dann könnt ihr gehen.“
Frek sah Egid an. Er zuckte leicht mit den Schultern.
„Lass uns eben mitgehen“, sagte Frek leise, „wir haben noch etwas Zeit.“
Egid zuckte wieder mit den Schultern.
Kanbano legte Egid den Arm auf die Schulter.

 „Jetzt komm endlich, dann schafft ihr es noch rechtzeitig zur Haltestelle, beeilen wir uns“, sagte er und zog Egid mit sich. Alle zusammen gingen sie auf den Ausgang zu.  

Donnerstag, 18. September 2014

Colovia Highlands


Flusswäsche


Die Outlands

Die Outlands lagen außerhalb der Dusonstadt. Sie bestanden zu 95 Prozent aus Feldern. Diese Felder waren um die Stadt herum angelegt und reichten bis zum Gebirge im Süden, 800 Kilometer von der Dusonstadt entfernt. Sie versorgten die 68 Millionen-Stadt mit Nahrung, Strom und Wasser. Nur einige Hunderttausend Menschen lebten auf dieser gewaltigen Fläche.

Es gab nur wenige Bauern, die sich zu Siedlungen zusammenschlossen. Eine dieser Siedlungen lag knapp 100 Kilometer von den Stadtgrenzen entfernt an der alten Grenze zu den Niederlanden. Hier lebte Sabodek zusammen mit seiner Mutter, den Großeltern und einem Farmer auf einem Hof in der Nähe eines großen Frachthofes.

Colina und Sabodek standen an den Schienen. Gerade wurde ein Güterzug beladen. Sie beobachteten die Arbeiter auf den Wagons und in den Hallen oder an den Silos. Sabodeks Mutter kletterte in die Trägermachine und steuerte sie in eine der Hallen. Die breiten Füße der Maschine stampften auf dem trockenen Boden und wirbelten Staub auf. Sabodek fand, dass die Träger wie Hühner aus Metall aussahen.
„Bringst du mich zur Probe?“, fragte Colina.
„Ja“, sagte Sabodek, „ich hole mein Fahrrad.“
„Ja“, sagte Colina, „ich hole meine Geige.“
Zehn Minuten später holte Sabodek seine Freundin beim Nachbar-Hof ab. Sie setzte sich hinten drauf und Sabodek fuhr los, der Straße entlang.

Colina probte in der Siedlungs-Halle. Der Ratsherr grüßte die beiden Kinder. Er hatte eine Mistgabel in der Hand und eilte aus der Halle. Die Mistgabel warf er auf den Rücksitz seines Landfahrzeugs, stieg vorne ein und fuhr los.
„Wo will er hin?“, fragte Colnina.
„Wollte er nicht bei der Probe dabei sein?“, fragte Sabodek.
Colina nickte. Beide sahen dem Landfahrzeug nach, wie es sich auf der langen Straße entfernte.
„Ich fahre zum Strand“, sagte Sabodek.
„Ja“, sagte Colina.
Sabodek fuhr davon.

Sabodek fuhr an den Ruinen aus der alten Zeit vorbei. Sie standen weit weg in einem großen Maisfeld auf dem eine Erntemaschine fuhr. Über dem Feld flog ein Conolonibus auf der Stelle. Seine Rotoren machten soviel Wind, dass die Maisstauden umgebogen wurden, einige flogen durch die Luft. Ein Wagen der OPD fuhr an ihm vorbei.
„Was ist den hier los?“, fragte sich Sabodek.
Der Conolonibus bewegte sich nun auf die Ruinen zu und blieb über ihnen schweben. Ein Seil kam herunter. Sabodek konnte nicht genau erkennen, ob jemand in den Ruinen war, weil die Maisstauden zu hoch gewachsen waren.
„Mist“, sagte er.
Das Seil wurde wieder hochgezogen. Am Ende des Seils hing etwas aber es war kein Mensch, obwohl Sabodek Arme zu erkennen glaubte und auch ein Bein war dabei. Es war ein großer Klumpen, vielleicht so groß wie ein Rind. Sabodek strich sich durch sein schiefes Gesicht.
„Was ist das?“
Wieder kam ein Wagen der OPD vorbei. Da musste etwas schlimmes geschähen sein.

Sabodek kam beim Hof an. Seine Mutter schimpfte im vorraus, dabei hatte er heute noch nichts blödes angestellt.
„Komm, ich habe dir Maiskolben mit Salz gemacht“, sagte sie, als sie fertig mit Schimpfen war. Sie drückte ihm einen Schokoladen-Riegel in die Hand.
Dann kam die Kolone der OPD am Hof vorbei. Die zwei Fahrzeuge, die Sabodek vorhin an sich vorbei fahren sah und ein Frachter der etwas geladen hatte, dass mit einer Plane abgedeckt war. Sabodek war sofort klar, dass es das sein musste, was vorhin am Seil des Conolonobus gehangen hatte.
„Ich esse später“, rief er, nahm sein Fahrrad und raste der Kolone hinterher.
„Dann musst du es kalt essen, du Blödmann“, schrie ihm seine Mutter nach“, Trottel, du isst es kalt, ich sage es dir!“
Die Kolone hielt auf der anderen Seite der Siedlung auf einer Ranch an. Gerade kam eine Rinderherde zurück von den Wiesen. Die Polizisten mussten warten, bis alle Tiere vorbei gelaufen waren bevor sie auf den Hof der Ranch fahren konnten.
Sabodek stellte sich an einer Häuserwand hinter einem Strauch und beobachtete den Tierarzt der Siedlung, wie er auf den Frachter stieg und unter die Plane schaute. Er sprang zurück, beugte sich über den Rand des Frachters und würgte aber ea kam nichts raus.
„Tut mir Leid“, sagte einer der OPD-Leute. Es war ein Mann mit grauen Haaren und Halbglatze, mit einem Schnautzbart. „Der Anblick muss gräslich sein, nicht wahr?“
„Nein“, sagte der Tierarzt. „Es ist nur – ich vertrage den Geruch nicht.“
Der OPD-Mann mit Halbglatze hob die Augenbrauen.
„Ich habe gar nichts gerochen.“
Der Tierarzt schüttelte den Kopf. Er schaute wieder unter die Plane und würgte wieder. Dieses Mal kletterte er aber ganz unter die Plane und man hörte ihn darunter dumpf würgen und husten.
„Was sagen sie dazu?“, fragte der OPD-Mann mit Halbglatze.
Unter der Plane kam ein lautes Würgen zurück. Die OPD-Leute sahen sich unter einander mit ekelerfüllten Mienen an.
„Brechen sie am besten daneben“, rief der OPD-Mann mit Halbglatze, „nicht auf die Leichenteile... wenns geht!“
Der Tierarzt kam zurück.
„Nun“, sagte er, „soweit ich das beurteilen kann, sind es drei, vielleicht vier Leichen.“
Der OPD-Mann mit Halbglatze nickte. Er kratze sich an der Nase und dann am Ohr und dann am Kinn und nickte noch einmal.
„Keine Köpfe“, sagte der Tierarzt.
Der OPD-Mann mit Halbglatze sah auf. Er kratzte sich am Ohr und am Kinn.
„Keine Köpfe?“
Der Tierarzt schüttelte den Kopf.
„Keine Köpfe.“
Der OPD-Mann mit Glatze nickte zweimal hintereinander – kratze sich an der Nase. Er sah die anderen OPD-Männer an, nickte ihnen zu und sah sich dann auf dem Hof um.
„Wir müssen die Köpfe finden“, sagte er dann.

Jetzt nickten die anderen OPD-Leute.  

Donnerstag, 11. September 2014

Dusonstadt, Frühjahr: 1023, Sektor 345 - Drindrin

Sie sahen aus wie eine Horde Wikinger. Ein Kerl an vorderster Stelle hatte sich sein Hemd ausgezogen. Er musste mehr als 2 Meter groß sein und war bepackt mit Muskeln die bei jeder Bewegung andere Formen annahmen. Wie eine Maschine stampfte er über die Straße vorwärts und würde selbst Autos aus den Weg walzen.
Drindrin blieb stehen und nahm die Meute auf, die schnell an ihr vorbei zog. Sie schrien irgendetwas aber sie verstand gar nichts. Laute Rock-Musik überschalte alles. Agil-Droiden des DSPD liefen neben ihnen her und bewachten die Demonstration. Und von beiden Seiten auf den Gehwegen hielten Menschen an, um zu filmen oder um zu gaffen.
Drindrin beendete die Aufnahme. Ihr kleiner Tieger sprang aus dem Schaufenster eines Ladens. Sie sah darin Spielekonsolen und Zubehör. Im Inneren tummelten sich einige Freaks, einige von ihnen schauten durch die Scheibe nach draußen. Drindrins kleiner Tieger jaulte.
„Ich will das nicht“, sagte Drindrin.
Der kleine Tieger lief weiter und verschwand. Drindrin sah der demonstrierenden Meute nach.
„Wir sind wahre Menschen“, hörte sie jemanden rufen.
Etwas weiter landete ihre Schwebebahn in einer Haltestelle. Sie rannte los.

Drindrin hörte Musik. Sie brauchte keine Kopfhörer. Sie wurde taubstumm geboren und bekam noch im Bauch ihrer Mutter interne Hörgeräte eingepflanzt – gebaut von ganz kleinen Robotern, nicht größer als ein Molekül. Das sie taubstumm sein würde, wussten die Ärzte schon, als sie gar nicht geplant gewesen ist.
Die Schwebebahn sauste zwischen den Türmen des Sektors an gewaltigen Werbetafeln vorbei. Hier und da grüßte sie ihr kleiner Tieger aus einer dieser Tafeln und wenn die Bahn durch einen Tunnel sauste, sah sie auf dem Fensterglas die Bücher die sie gerade las. Wenn sie sich vom Fenster abwandte löste sich das Buch das sie mit ihren Augen fixiert hatte aus dem Fenster und schwebte als holographische Darstellung direkt vor ihr.
Ihre Oma war 132 Jahre alt und sie konnte sich nicht vorstellen, wie ein Mensch soviele Dinge auf einmal aufnehmen kann. Überall Bilder, fliegende Aufnahmen von anderen Orten, Videospiele die sich im Bistro auf dem Tisch ausbreiteten, Werbungen die mit einem sprachen, Hologramme, Lichter, geisterhafte Pfeile auf den Straßen, die einem den Weg wiesen und vieles mehr. Sie sagte, sie würde verrückt werden, wenn sie so wäre wie Drindrin.
Tatsache aber war, dass Oma gar nicht wusste, wie Drindrin wirklich war, weil Oma das Haus schon seit 12 Jahren nicht mehr verlassen hatte und sie erlebte ihre Enkelin nur in ihrer Wohnung, wenn sie zu Besuch kam. Und dann saß Drindrin meistens nur herum, spielte mit Oma alte Videospiele oder machte ihre Hausaufgaben.

Drindrin musste aussteigen. Die Schwebebahn landete in einer Haltestelle in der Nähe der Türme in denen Drindrin mit ihren Müttern wohnte. Ihr Vater lebte nicht mehr. Er kam bei einem Arbeitsunfall im Orbit um – er war Raumschrott-Sammler gewesen. Danach lernte ihre Mutter eine Frau kennen und lebte fortan mit ihr zusammen.
„Hallo Drindrin“, grüßte der Agil-Droide, der das Viertel sauber machte.
„Hallo“, sagte Drindrin.
Beide standen vor dem Eingang der Haltestelle. Sie hatten einen tollen Ausblick auf die Nordsee. Sie waren 800 Meter über dem Meeresspiegel auf einer hängenden Straße. Drindrin stellte sich gerne an den Rand und schaute herunter in die Tiefe. Erst dann merkte man, dass sich die Straße im Wind hin und her schaukelte. Langsam hin und her, wie im Traum. Und wenn sie zu lange runter schaute wurde ihr schwindelig und sie taumelte, dann musste sie sich am Geländer festhalten.
„Soll ich dir bei deinen Hausaufgaben helfen?“, fragte der Agil-Droide.
„Gerne“, sagte sie.
Sie ging voraus und der Droide folgte ihr. Sie hatte ihn kennen gelernt, als ihre Mutter sie einmal ausgeschimpft hatte, weil sie kein gutes Zeugnis mit gebracht hatte. Der Droide ging dazwischen, als ihre Mutter sie schlagen wollte. Eigentlich waren alle Droiden darauf programmiert dazwischen zu gehen, wenn Menschen ihre Beherrschung verloren aber es war nun mal dieser eine Droide gewesen der zu dieser Zeit an diesem Ort gewesen war und danach grüßte sie ihn jedes Mal. Droiden waren zwar auch darauf programmiert Freundschaften mit Menschen zu schließen aber manchmal glaubte Drindrin, dass der Droide sie wirklich gerne hatte.
„Mathematik? Physik? Informatik?“
Drindrin seufzte.
„Ich befürchte alles.“
Der Droide nickte.
„Das machen wir in einer Stunde fertig und danach kannst du etwas anderes machen.“
Sie setzten sich in ein Cafe das ebenfalls in der Luft hing. Der Boden bestand aus Glasplatten, man konnte nach unten schauen und kam sich beim Essen seiner Pommes vor, als würde man frei in der Luft schweben. Nicht jedermans Sache.
„Cola?“, fragte der Droide. Drindrin nickte. „Ich bezahle.“
„Danke“, sagte Drindrin.
Nebenan am Tisch saß eine Frau mit Glatze. Sie hatte überall Piercings. Ihre kleine Tochter malte auf E-Papier und fragte immer wieder, ob ihre Mutter ihr dieses oder jenes auf ihr Bild malen könnte. Vor ihnen saß ein Mann mit gräulicher Haut der in einem holographischen Comic blätterte und laut seinen Milchkaffee mit Sahne schlürfte. Und dahinter schraubte ein Agil-Droide der Müllentsorgung an seiner Hand herum, die anscheinend nicht mehr das tun wollte, was er wollte.
„Kennst du die Formel, um diese Aufgaben hier zu lösen?“, fragte ihr Freund.
„Ja.“
Sie nahm ihre Schultafel und schrieb ihm die Formel mit dem Finger auf. Er betrachtete sie eine Weile und es sah aus, als dachte er nach, auch wenn sein metallischer Schädel natürlich zu keiner Regung im Stande war.
„Gut, ich verstehe diese Aufgaben.“ Er reichte ihr die Tafel. „Fang mit der ersten Aufgabe an und ich schaue dir zu, dann finde ich bestimmt heraus, wo du Schwierigkeiten hast.“

Drindrin grinste und fing an.