Freitag, 5. September 2014
Nichts dafür können wie etwas ist
Dusonstadt
– Sektor 38 – Juni 855
Das
Pommes-Restaurant hatte erst letztes Jahr geöffnet. Niemand hätte
gedacht, dass Kartoffel in Streifen geschnitten und frittiert, so gut
schmecken könnten. Mittlerweile gab es sie nicht nur mit Salz,
sondern auch mit Pfeffer, Chilli und anderen Gewürzen.
Die
meisten Besucher waren Schüler aus der nahen Schule zwei Straßen
weiter oder Studenten und Dozenten von der Universität im Sektor.
Mitten
im Juni regnete es draußen noch sehr oft. Die Leute kamen mit dicken
Regenjacken und Regenschirmen. Eigentlich waren an diesem Tag nicht
so viele da wie sonst. Ein ruhiges Arbeiten für die Besatzung der
Küche und für uns Tischpersonal. Normalerweise gab es zwischen den
Tischen kaum Platz um einen ganzen Tag unbeschadet hindurch zu kommen
– ein Tablet in einer Hand balancierend.
Der
Afrikaner kam fast jeden Tag und bestellte jedes Mal das gleiche.
Pommes mit Chilli und eine Limo Exotic. Er schien nicht zu den
Studenten zu gehören und seiner einfachen Kleidung nach zu urteilen
war er auch kein Dozent. Er kam einem vor, wie jemand der sein Geld
Nachts verdiente, wenn keiner zusah. Und mehr kann man nicht über
ihn sagen, denn er redete nie, abgesehen bei seiner Bestellung.
Eine
Frau mit ihrem Freund saßen nah am Eingang. Er hörte ihr aufmerksam
zu, doch seine Augenlieder würden nicht mehr lange durch halten.
Leider sah es ganz so aus, als hatte sie noch eine Menge zu erzählen.
Beim letzten Mal hatte er am gleichen Tisch alleine gesäßen und
wirkte eher neben der Spur aber war hellwach.
An
der Theke saßen zwei Jungen mit gefestigten Frisuren, die so steif
waren, dass man meinen würde, man könnte sie einfach abbrechen. Sie
erzählten sich gegenseitig von ihren Freundinnen, von denen jeder
bereits ein halbes Dutzend gehabt hatte oder immer noch hat oder so
etwas in der Art. Und wenn man ihnen eine Weile zuhörte, stellte
sich einem die Frage, ob ihre Gehirne nicht vielleicht auch gefestigt
waren und im Gegensatz zu ihren Haaren zu Bruch gegangen waren.
„Ich bin mal mit der Train bis nach Paris, durch die Outlands.“
(Keine Train fuhr weiter, als bis zu den Outlands) „Das sind fast
4000 Kilometer gewesen – weißt du noch, wo ich so lange krank war?
Weißt du noch?“ Der andere nickte. „Da war ich gar nicht krank.
Da war ich mit der nach Paris von Bahnhof Bremen nach Osten.“ Und
der andere: „Ich war da auch fast aber der Train ist abgeschmiert,
wir mussten zurück – hab ich dir mal erzählt.“ Und wieder der
andere: „Ja aber 4000 Kilometer?“ Der andere nickte. „Klar –
ja, fast – aber der Train ist ja abgeschmiert.“
Die
anderen Gäste hörten sie selbstverständlich nicht, obwohl sie sich
laut unterhielten - hatten andere Sachen zu tun – Pommes essen oder
Zeitung gucken oder Kommunikator. Also - man spürte wie peinlich es
jedem von ihnen war und hin und wieder schnappte man einen ihrer
auflammenden Gedanken auf: „Halt doch deinen dummen Mund –
beide!“
Dann
kam an diesem Tag eine Familie in das Restaurant, die man hier bisher
noch nie gesehen, bzw. noch nie bemerkt hatte. Zwei männliche
Europäer, mit Vorfahren, vielleicht weiter aus dem Norden, zusammen
mit ihren sehr asiatischen Kindern. Das Mädchen und der Junge
mussten Zwillinge sein, sie glichen sich, bis auf die unterschiedlich
langen Haare, wie ein Ei dem anderen.
Die
beiden Männer umarmten das eine und das andere Kind und gaben ihnen
einen Kuss auf den Kopf. Sie flüsterten aber man konnte sie gut
verstehen, weil keine Musik lief und alle mit ihren Pommes
beschäftigt waren – auch die beiden Jungen an der Theke, die nun
Pommes in ihre Münder stopften.
„Wir sind in einer Drei-Viertel-Stunde zurück“, sagte der eine
Europäer.
Der
andere winkte dem Mädchen noch einmal kurz zu, dann gingen sie zum
Ausgang – Hand in Hand. Einige hoben die Köpfe, Blicke folgten zu
den beiden asiatischen Kindern und das war es. Draußen küssten sich
die beiden Männer und trennten sich. Der eine ging nach Rechts und
der andere nach Links.
Das
Mädchen und der Junge bekamen ihre Tüten mit Pommes.
„Was hast du drauf?“, fragte das Mädchen leise.
Der
Junge gab ihr eine Pommes aus seiner Tüte.
„Basilikum?“
Der
Junge nickte.
„Hast du das gesehen?“, zischte einer der Jungen von der Theke.
„Was?“
„Die beiden waren schwul.“
Er
drehte sich herum, damit er die beiden Geschwister sehen konnte.
„Das sind die Blagen von denen.“
Der
andere drehte sich auch um.
„Waren das eure Eltern?“, fragten sie.
Der
asiatische Junge schaute auf den Tisch und tat so, als hätte er die
beiden nicht gehört aber seine Schwester nickte.
„Ihr habt schwule Eltern? Das ist ja zum kotzen.“
„Zwei Männer – bah! Wie haben die das gemacht?“
Der
andere lachte.
„Was meinst du?“
„Ja, sind das Arschkinder oder wie.“
Beide
wiecherten los.
„Die haben sich vor der Tür geleckt – ekelig!“
Das
Mädchen fing an zu weinen.
„Könnt ihr damit aufhören?“, sagte der Junge. Er konnte die
beiden nicht ansehen. Beide aßen nicht mehr. Ihre Tüten waren noch
voll.
„Nein, du Schwulenkind!“
Plötzlich
stand der Afrikaner hinter den beiden. Man hatte ihn gar nicht
aufstehen bemerkt. Er packte den einen an seiner linken Schulter und
den anderen an seiner rechten. Er neigte sein Gesicht zwischen die
der beiden Jungen.
„Was soll das?“
Er
sprach leise.
„Was meinen sie?“
Die
beiden schauten ziemlich erschrocken drein, sie hatten den großen
Mann nicht kommen sehen. Er versperrte ihnen die Sicht auf die beiden
asiatischen Kinder.
„Warum belästigt ihr die beiden?“
Die
Jungen zuckten mit den Schultern. Einer von ihnen fand seinen Mut
wieder und wand sich aus dem Griff des Mannes – und der andere
seine Stimme: „Die haben zwei Väter, das ist vollkommen abartig.“
„Das ist nicht das Problem. Ich habe euch gefragt, warum ihr die
beiden dort belästigt. Ihre Eltern tun gerade nichts zur Sache.“
Wieder
zuckten die beiden mit den Schultern. Sie hatten wahrscheinlich
wirklich keine Ahnung.
„Was ihr hier tut ist in der Stadt strafbar und ich werde die
Polizei verständigen, wenn ihr nicht aufhört. Das Leben anderer ist
nicht eure Angelegenheit, egal, was ihr darüber denkt.“
Dann
drehte er sich wieder um und ging zurück zu seinem Tisch. Er nahm
seinen Kommunikator vom Tisch und wählte.
„Klar, zwei schwule Säcke mit Blagen. Ich würd mich aufhängen,
wenn ich die wäre“, sagte einer von den Jungen.
Die
Frau am Eingang sprang auf.
„Geht raus!“
Und
der Afrikaner meldete eine Straftat.
„Sofort!“
Die
beiden Jungen standen auf, nahmen ihe Tüten in die Hand, ihr Jacken
und gingen langsam aus dem Laden.
„Sie brauchen die Polizei nicht anrufen“, sagte einer noch.
Die
Frau am Eingang schob ihn hinaus.
Der
Afrikaner setzte sich zu den beiden asiatischen Kindern.
„Lasst euch von denen nicht den Tag vermiesen. Die hatten genau so
viel Verstand wie die Pommes, die sie gegesen hatten – mit Salz.“
Er schnaubte.
„Das passiert uns in der Schule dauernd“, sagte das Mädchen.
Der
schwarze Mann schüttelte den Kopf.
„Macht euch nichts daraus. Wenn sich die Menschen in dieser Welt
zwischen den beiden Trotteln und euch entscheiden müssten, dann
würden sich die meisten auf eure Seite stellen.“
Die
beiden Kinder sagten „Danke“.
„Das würden sie wirklich.“
Montag, 1. September 2014
Cornarea - Rana die mit Tieren spricht (1)
Rana
und En-Bonbon kletterten auf einen der gelblichen Felsen, die überall
in der Steppe wie verstreut lagen. Rana hatte ihre Tasche von der
Schulter hängen. Sie war schon zur Hälfte mit den Totenkäfern
gefüllt. En-Bonbon hatte einen Rucksack auf dem Rücken. Er hatte
noch keinen einzigen Käfer gesammelt aber heute sammelte nur Rana,
damit sie es gut lernte. En-Bonbon konnte es bereits sehr gut und das
konnte man daran erkennen, dass viele der blaßgrünen Käfer unter
seiner Haut hindurch schienen. Er hatte mindestens 10 Stück auf dem
Rücken und 3 auf seinem rechten Arm.
Die
Totenkäfer waren sehr merkwürdige Tiere. Sie bewegten sich nämlich
nicht und sahen aus, wie ganz kleine Blätter die in der Sonne
getrocknet waren. Sie vermehrten sich wie Pollen einer Pflanze,
nämlich durch den Wind. Um Nachkommen zu zeugen brauchten sie einen
immer-warmen Platz und dafür eignete sich die Haut eines Tieres oder
eines Menschen. Dafür klebten sie sich auf der Haut fest und blieben
dort solange, bis ihre Kinder, die auf der Oberfläche der Mutter
heranwuchsen, einfach vom Wind davon geweht wurden. Das Muttertier
blieb jedoch, gefangen durch die extrem klebrige Substanz, die sie
abgesondert hatte, um auf der Haut kleben zu bleiben, für immer bei
ihrem Wirt. Das Besondere aber war, dass die Totenkäfer anscheinend
unsterblich waren, denn obwohl sie sich ihr Leben lang nicht rührten
-auch nicht, um zu fressen- leuchteten sie in der Nacht mit einem
grünen Schimmer und das taten sie Nacht für Nacht, solange, bis der
Wirt selbst gestorben war aber selbst dann leuchteten sie jede Nacht
weiter. Und bei Ausgrabungen entdeckte man bei Skeletten Totenkäfer
die seit Jahrhunderten vergraben gewesen sein mussten, die aber
trotzdem noch ihr Schimmern abgaben sobald die Sonne ganz
untergegangen war.
Rana
nahm das Einmachglas aus ihrer Tasche. Sie machte es auf und steckte
ihre Hand in das Wasser darin. Mit der nassen Hand konnte sie jetzt
die Totenkäfer einsammeln ohne dass sie an ihren Fingern kleben
blieben. Sie musste trotzdem schnell sein, weil das Wasser bei der
Hitze im Nu verdampfte – sie hatte nur Sekunden, um den Käfer in
ihre Tasche zu werfen und immer wieder musste sie ihre Hand nass
machen. En-Bonbon schaute ihr dabei zu und nickte und sagte immer
wieder auf neue: „Jetzt Hand nass machen – Käfer- jetzt in die
Tasche und jetzt Hand nass machen – Käfer – in die Tasche
und....“
Totenkäfer
waren nicht besonders zahlreich, man fand höchstens ein halbes
Dutzend auf jedem der gelblichen Steine und sie waren so wertvoll,
dass man am besten keinen einzigen vergeuden sollte. Rana warf den
letzten Käfer in ihre Tasche und freute sich, weil sie alle sicher
geschnappt hatte.
„Hast du gut gemacht“, sagte En-Bonbon.
Er
ging zum nächsten Stein und Rana sprang zurück auf den Boden, um
ihm zu folgen.
„Guck mal“, sagte sie, „da ist eine Schrecke.“
Das
große Tier im hohen Gras sah aus wie ein toter, umgestürzter Baum,
der von seinen Ästen über dem Boden getragen wurde.
„Gut“, sagte En-Bonbon. „Was macht er gerade?“
Rana
beobachtete die Schrecke eine Weile.
„Ich glaube, er sucht Schleicher“, sagte Rana.
En-Bonbon
nickte zufrieden.
„Du
verstehst die Tiere schon ganz gut.“
Rana
kletterte auf den nächsten Stein. Und auch dieses Mal sammelte sie
die Totenkäfer ein, ohne auch nur einen zu vergeuden. En-Bonbon zog
ihr zweimal leicht an ihren Haaren – er lächelte. Rana wusste,
dass er Stolz auf sie war.
Beim
Marker-Stein übergab er das Mädchen wieder ihren Eltern, die auf
sie gewartet haben. Er erzählte ihnen in seiner Sprache, das Rana so
viele Käfer gesammelt hatte, dass er seinen Stamm für eine Woche
damit versorgen konnte.
Die
Sonne ging unter, als sie sich von En-Bonbon verabschiedeten, in das
Geländefahrzeug stiegen und zurück zum Lager fuhren. Rana hatte
viel zu erzählen, soviel, dass der Weg bis zum Lager nicht
ausreichte, um alles gesagt zu haben. Und später beim Abendessen
schlief sie ein.
Sie
träumte von Tu-Tut, ihrem Freund aus dem Grasland. Sie saß auf
seinem Rücken und er trug sie durch den Sumpf auf die andere Seite,
wo die Berge waren, wo die Sonne in einem Tal zu Lava schmolz, um am
nächsten Tag wieder als Kugel aufzusteigen.
Rana
kniete sich hin und pinkelte in ein Loch das sie vorher gegraben
hatte. Der Schleicher beobachtete sie überrascht. Er selbst hatte
gerade das selbe getan. Mit seiner langen Zunge leckte er sich sein
Gesicht ab, um zu überprüfen, ob der Geruch des Mädchens auf
seinem klebrigen Fell zurückgeblieben war. Er konnte nichts
schmecken.
Rana
stand langsam auf, blieb aber in einer gebückten Haltung, um das
Tier nicht zu erschrecken. Schleicher liefen sofort davon, wenn sie
jemanden entdeckten, der größer war als sie. Sie kam einpaar
Schritte näher. Das Tier leckte sich wieder sein Gesicht ab und
wusste jetzt, dass Rana ein Mensch war, dass sie ein Kind war und
dass sie gerade mit einem Gnak gespielt haben muss und dieser Gnak
hatte sie nicht gegessen.
Rana
sagte „Hallo“.
Der
Schleicher leckte sich ein weiteres Mal durchs Gesicht, setzte sich
dann hin und streckte seine großen Hände von sich. Für seine
verkümmerten Augen saß nun ein kleiner Schatten direkt vor ihm. Er
konnte nicht viel mehr sehen aber dafür sah er, dass was er sehen
konnte extrem gut.
Rana
streichelte seine Hand die vom ständigen Graben in der Erde ganz
schwarz war. Diese Hände waren so groß, dass Rana darauf soviel
Platz gehabt hätte wie in einem Fahrzeugsitz. Sie streichelte die
dicken Kissen auf der Handfläche des Tieres und seine drei langen
Finger. Und der Schleicher grummelte zufrieden – er leckte ihr
durchs Gesicht.
„Wo
sind deine Freunde?“, fragte Rana.
„Yooh, jau!“, sagte der Schleicher.
Rana
lächelte.
„Ich bin hier.“
„Yooooh!“
Der
Schleicher stand auf, seine großen Hände ballte er hierfür
zusammen, sein dicker langer Schwanz diente als Hinterläufer. Er
schleckte Rana über den Rücken und den Nacken und Rana kiecherte,
weil das kitzelte, dann biss der Schleicher vorsichtig in ihren
Nacken und hielt sie fest.
„Ah“, machte Rana und legte sich sofort flach auf den Boden. Der
Schleicher ließ wieder los und setzte sich wieder hin, die Hände
von sich gestreckt. Rana setzte sich auch wieder auf und streichelte
wieder seine großen Hände.
„Ich bin Rana.“
„Yo.“
Ranas
Vater kam auf dem Weg vom Lager zu ihr. Er hielt Abstand.
„Wer ist das?“, fragte er.
Rana
stand auf – sie musste sich jetzt nicht mehr klein machen. Sie
rannte zu ihrem Vater während der Schleicher sie mit einem letzten
„Yo“ verabschiedete.
„Das ist Jo-Jo“, sagte Rana. „Er ist schon alt und hat sein
Rudel verlassen.“
Der
Vater lachte.
„Komm, du musst dich waschen und dann zur Schule gehen.“
„Mit Mama?“
Der
Vater nickte.
„Morgen hast du wieder mit mir Schule.“
Sie
gingen über den Weg.
Freitag, 22. August 2014
Axii 12
Axii kam in die Waschküche. Der Vater tanzte mit der Haushälterin. Die Lautsprecher gaben alles:
„Charlie?! Vergewissere dich, dass du an alles gedacht hast, wenn du jetzt irgendwo hin gehst!“
Clantra warf ihre Hände in die Luft und drehte sich um sich selbst und der Vater bewegte sich kopfwackelnd um sie herum.
„Charlie?! Vergewissere dich, dass du an alles gedacht hast, wenn du jetzt irgendwo hin gehst!“
Die elektronische Musik verzerrte die Stimme einwenig, benutzte sie als Klang, machte aus jedem Wort einen Ton eines Instrumentes das es nicht gab. Und durchgehend polterte es hart aber fröhlich, so laut, dass die Scheiben vibrierten.
„Charlie?! Vergewissere dich, dass du an alles gedacht hast, wenn du jetzt irgendwo hin gehst!
Mama ist heute Abend arbeiten! Charlie?! Vergewissere dich, dass du an alles gedacht hast, wenn du jetzt irgendwo hin gehst! … Mama ist heute Abend arbeiten!“
Clantra bewegte ihren Körper wie eine Schlange und noch immer flogen ihre Arme durch die Luft, weit über ihrem Kopf. Und der Vater stellte sich nun direkt vor sie, kopfnickend und schleuderte ihr seine Arme entgegen – links und rechts und links und rechts.
„Charlie?! Vergewissere dich, dass du an alles gedacht hast, wenn du jetzt irgendwo hin gehst!“
Axii ging rückwärts hinaus und schloss die Tür.
„Mama ist heute Abend arbeiten“, sagte er grinsend.
Axii und Alicen
Axii öffnete das Dachfenster und kletterte im Schlafanzug hinaus. Es hatte geregnet, er musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte. Seine Socken wurden nass. Er setzte sich hin und zog sie aus, warf sie zurück in sein Zimmer und schaute auf die Lichter der Dusonstadt. Es glitzerte überall, bis zum Horizont, selbst auf den weit entfernten Bergen. Warmer Wind blies ihm ins Gesicht und ließ sein Haar fliegen. Drüben auf dem Meer landete ein Flugzeug, als es sich der Landebahn näherte, leuchteten entlang der Bahn Lichter auf und man konnte sie gut erkennen. Sie schien auf dem Wasser zu schwimmen.
Über ihm zogen kleine Wolkenfetzen vorbei, die Nacht war schwarz aber er konnte den Großen Wagen erkennen - gerade noch. Bei den Eltern von Mutter und Vater konnte man Nachts die Milchstraße und Tausende von Sternen sehen. Es war so, als wäre die Dusonstadt die umgekehrte Welt der Welt. In den Outlands waren die Sterne oben und hier in der Stadt, da waren sie nämlich unten. Einmal hatte er den Vater sagen hören: „In der Dusonstadt leben wir zwischen den Sternen.“
Ein Conolonibus landete auf einem Wolkenkratzer weit entfernt. Hier in Lalande gab es keine Wolkenkratzer und die höchsten standen in Encea und den 8 Hauptsektoren: Zentral Dusonstadt Nord Nord, Zentral Dusonstadt Nord Ost, Zentral Dusonstadt Süd Ost, Zentral Dusonstadt Süd Süd, Zentral Dusonstadt Süd West, Zentral Dusonstadt Nord West und Zentral Dusonstadt (Dysons Hill). Wobei Dyson Hill noch einmal unterteilt war in West und Ost. Dort stand auch der KI-Tower, der die künstliche Intelligenz beherbergte. Es war nicht der größte Turm aber manchmal reichte er trotzdem bis in die Wolken. Der Conolonibus startete wieder. Es war ein Frachter, das konnte Axii daran erkennen, dass er nun einen großen Kontainer durch die Luft trug.
Axii legte sich flach auf den Rücken und streckte seine Beine aus. Die Wolkenfetzen waren mehr geworden. Sie trieben schnell vom Meer her über die Stadt. Vielleicht kam noch mehr Regen.
Morgens kam er erst sehr spät zum Frühstückstisch. Die Mutter tippte auf ihrem Tablet, der Vater entrollte seine Zeitung. Axii setzt sich an den Tisch und nahm eine Scheibe Brot aus dem Korb. Er legte eine Scheibe Trockenwurst drauf und biss lustlos hinein.
„Wir haben keinen Kakao mehr“, bemerkte seine Mutter nebenbei. Sie korrigierte einige Arbeiten ihrer Schüler. Gerade zeigte das Display eine Arbeit an, die sie beinahe vollständig rot markiert hatte. Und dann schüttelte sie den Kopf und markierte mit dem Zeigefinger eine weitere Zeile.
„Die Mensch-Partei wird verdächtigt einen Anschlag auf das Gedächtnis geplant zu haben“, murmelte der Vater.
„Diese Totaldebilen sollte man ohnehin alle einsperren“, sagte die Mutter. „Wie kann man in unserer heutigen Zeit noch solche veralteten Gedanken haben? Sollen sie doch in den Wald gehen und fortan dort leben, wenn es ihnen in der Stadt nicht gefällt.“
Der Vater schüttelte die Zeitung, das Bild wechselte auf die nächste Seite.
„Mich würde interessieren, wie sie zum Gedächtnis vordringen wollten, wenn sie jegliche Technik ablehnen.“ Er lachte trocken. „Mit Stock und Hut.“
Axii stand wieder auf.
„Ich muss los“, sagte er.
Die Mutter nickte, der Vater gähnte und legte seine Zeitung auf den Tisch.
„Sei brav“, sagte die Mutter, als Axii durch die Tür nach draußen ging.
Axii lehnte sich an eine Straßenlaterne. Er wartete auf den Bus. Alicen kam. Er setzte sich auf die Bank im Glashäuschen. Axii beobachtete ihn. Seine Haare hatte er, wie immer, direkt nach dem Duschen mit einer Menge Haarspray gesteift. Es sah aus, als hätte er einen Kopf voll langer und dicker Nadeln, die kreuz und quer abstanden.
„MJ – Bad“, sagte Alicen leise wobei er seinen Kommunikator am Handgelenk meinte. Er hörte Musik, in seinen Ohren steckten Mini-Lautsprecher. Axii konnte sie nicht sehen, aber unter Alicens stacheligen Haaren blinkte es und das Display seines Kommunikators zeigte ein Bild von einem Mann in Lederjacke und mit dunklen Locken.
Alicen sah auf und ihre Blicken trafen sich. Axii sah schnell weg.
„Hi, du bist doch an meiner Schule“, sagte Alicen.
Axii nickte.
„Ja, Naturwissenschafts-Kurs Eins.“
„Ich bin in Geschichte und Politik – ich bin Alicen.“
„Axii.“
Sie berührten sich knapp mit den Fingerspitzen.
„Du hast doch letztes Jahr im Kunst-Kurs diese Fratze gebastelt, oder?“
Axii nickte.
„Und sie der Schulleiterin geschenkt“, sagte Axii grinsend.
Alicen lachte.
„Die wusste echt nicht, was sie sagen sollte.“
Axii zuckte mit den Schultern. Eigentlich wollte er seiner Schulleiterin damit nichts gesagt haben. Sie fand seine Arbeit beeindruckend, sehr sogar, also hatte er sie ihr am Schultag einfach geschenkt. Das die Leute sich darüber Gedanken machen würden, es sogar merkwürdig oder bestürzend finden würden, daran hatte er nicht gedacht. Erst als sie ihn danach zur Seite nahm und fragte, warum er das getan habe, hatte er gemerkt, dass es keine gute Idee gewesen ist, vor fast Tausend Schülern und Eltern, seiner Schulleiterin eine Maske aus Hühnerfedern, Wurzeln und anderem Kram zu schenken. Schließlich aber, nachdem er ihr erklärt hatte, dass er sich nichts dabei gedacht hatte, nahm sie die Maske und hängte sie im Lehrerzimmer auf. Seitdem hängt sie dort und jeder Refrendar der zum ersten Mal den Raum betrat, erschrack einwenig, wenn er sie erblickte.
„Psst“, sagte Alicen damit die Musik in seinen Ohren verstummte. „Axii, ist ein komischer Name.“
„Eigentlich heiße ich Naxin aber jeder nennt mich Axii mit doppeltem i – und frag nicht, ich weiß nicht warum das doppelte i.“
„Falls du mal ein i verlierst, heißt du immer noch Axii, deshalb vielleicht“, sagte Alicen und Axii lachte.
Der Bus kam und beide stiegen ein. Sie setzten sich nebeneinander. Der Bus fuhr zum Bahnhof. Sie redeten über etwas. Alicen zeigte Axii etwas auf seinem Kommunikator. Sie fuhren einen Hügel herunter. Weit voraus glitzerte das Meer, die Sonne backte die Stadt, die Ferien standen bevor.
Samstag, 9. August 2014
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