Sonntag, 18. August 2013

Die Weganer


Ihr Name passte wirklich gut zu ihnen. Die Weganer. Sie kamen von einem Planeten im Sternensystem Wega und ernährten sich ausschließlich pflanzlich. Es lag nun schon fast fünf Jahre zurück, als ihr riesiges Raumschiff in eine Umlaufbahn um die Erde ging und sie ihre Maschinen zu uns hinunter schickten.
Sie hatten uns schon lange bevor sie angekommen waren studiert und unsere Sprachen gelernt. Die Maschinen grüßten freundlich, als sie durch die Stadt rollten. Sie waren ganz weiß und rundlich, fast ein wenig wie einer der alten VW Käfer.
Sie brachten Wissen mit und neue Technologien und im Gegenzug wollten sie Nahrung für ihre weitere Reise haben. Und sie benötigten viel Nahrung. Sie brachten uns bei wie man Fleisch künstlich herstellte und verlangten dafür unsere Ernten. Wir hatten irgendwann kein Brot aber genug Fleisch für alle. Einige Staaten machten bei diesem Geschäft nicht mit oder stellten zu hohe Bedingungen. Die Weganer ließen sich auf keine anderen Bedingungen ein.
Irgendwann waren ihnen die Ernten nicht genug. Für weiteres Wissen verlangten sie, dass mehr Felder angelegt werden müssten. Der erste Ärger kam auf und viele Menschen in verschiedenen Ländern wiesen die Außerirdischen zurück. Und zunächst ließen sie sich auch zurückweisen aber es dauerte nicht lange und sie zwangen die Menschen mit Drohungen mehr Nahrung anzubauen. Und als auch das nicht reichte, schickten sie ihr Kriegsgerät herunter.
Die Armeen auf der Erde hatten nicht die leiseste Chance gegen die Angriffe der Weganer bei denen sie sich nicht mal aus dem Stuhl zu erheben brauchten. Zumeist verwendeten sie eine Art EMP-Angriff welcher jegliche Technik der Menschen einfach abschaltete. Nur mit Schwert und Schild hätten die Menschen angreifen können. Mit einem Fingerzeig schalteten sie ganze Städte ab und marschierten dann mit ihren Robotern ein. Die Menschen wurden in Lagern festgehalten, mit Unmengen an Fleisch versorgt und mussten täglich auf den Feldern der Weganer arbeiten.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch nie ein Mensch gesehen, wie die Außerirdischen eigentlich aussahen. Es gab bloß immer nur Gerüchte. Und diese Gerüchte häuften sich mit der Zeit.
In Wirklichkeit sahen sie aus wie Kellerasseln. Wie weiße Kellerasseln ohne eine andere Farbe. Sie schienen sich auf ähnliche Weise fort zu bewegen wie die Schlangen, wobei nur ihr unterer Körperteil den Boden berührte – der Rest des Körpers stand aufrecht. Sie hatten drei ziemlich kurze Armpaare mit Fingern ohne eine richtige Hand. Wenn sie etwas aufheben wollten, legten sie sich auf den Gegenstand mit ihrem Oberkörper fast drauf. Ihr Kopf bestand zum größten Teil aus ihrem Riechorgan mit welchem sie sahen, Gerüche aufnahmen, hörten und ihre Nahrung aufnahmen. 18 sehr kleine Augen waren unter dem Riechorgan wie bei einer Spinne angeordnet aber sie konnten mit ihnen nur feststellen ob es hell oder dunkel war. Und sie mochten es lieber dunkel.
Es soll Menschen gegeben haben, die sich mit ihnen ausführlich unterhalten konnten, Menschen die auf ihre Brut aufgepasst hatten und sich um diese gekümmert hatten. Menschen die etwas zu sagen hatten wurden sogar auf das Raumschiff der Weganer eingeladen. Oft hörte man, dass die Weganer Menschen süß fanden, so, wie Menschen Kätzchen oder kleine Hunde süß finden auch wenn der Vergleich nicht ganz passt. Die Weganer wussten natürlich, dass sie mit intelligenten Lebewesen zu tun hatten aber sie wussten auch, dass sie überlegen waren.

Dann kamen mehr Schiffe von Wega und die Menschen rebellierten. Überall entflammten Kriege. Doch aussichtslos.

Es war in etwa so, als wären die Spanier vor 500 Jahren mit einer Flotte aus Zerstörern und einem Flugzeugträger in Amerika gelandet und stünden einem Azteken-König aus dem Regenwald gegenüber.

Montag, 3. Juni 2013

Vierundzwanzig-Null-Eins


Bino kam auf einem Pfad aus dem Wald. Er kam zwischen den Büschen hervor. Die Blätter an den Ästen machten den Pfad unsichtbar. Er tauchte plötzlich auf. Er kam auf einem Schotterweg raus. Auf der anderen Seite war eine Wiese und ein alter Spielplatz aus Metall und verblassten Farben und mir viel Rost. Und dahinter lag der Landeplatz mit Feuerwache.
Cara klatschte in die Hände. Sie war die Rutsche hinunter gerannt und beinahe im Geäst des Waldes verschwunden aber dann hielt sie kurz davor an.
Zehn Städte“, schrie sie, „bleib da!“
Sie rannte grinsend zurück zur Rutsche und begann sie über die Rutschbahn wieder hinauf zu klettern.
Zehn Städte, ja!“
Bino überquerte den Schotterweg. Er hatte richtig Lust sie zu ärgern. Sie schien alleine zu sein. Die Bänke am Rand des Spielplatzes waren leer und auf der Rutsche, den Schaukeln und dem Kletterbaum war auch niemand.
Vierundzwanzig-Null-Eins“, fauchte sie.
Sie rutschte die Rutsche runter. Sie grinste nicht mehr, merkte nicht, dass Bino näher kam. Sie trat gegen den Kieselsand, die kleinen Steinchen schossen durch die Luft.
Hau ab!“, zischte sie.
Bino stand hinter ihr.
Hau du doch ab“, sagte er.
Sie wirbelte herum. Dann sprang sie zurück. Bino lachte. Sie sah ihn ausdruckslos an. Ihre Augen waren schwarz. Bino machten sie Angst noch bevor er wusste, was ihn erschreckte. Sie starrte ihn weiter an.
Was guckst du so blöd?“, fragte Bino.
Sie schaute auf den Boden, suchte ihn um ihre Füße herum ab. Sie schien nach etwas zu suchen. Vielleicht nach einem Stein.
Was willst du machen?“, fragte Bino.
Sie überlegte.
Hit!“
Mit einem Mal war sie direkt vor ihm und boxte ihm mit geballter Hand mitten ins Gesicht. Bino taumelte rücklings und fiel in den Kiessand. Sofort spürte er warmes Blut über seine Lippen laufen und herunter tropfen.
Bist du bescheuert?“, schrie er sie von unten her an.
Ja, ich und Vierundzwanzig-Null-Eins und Zehn Städte“, antwortete sie ihm prompt.
Bino sprang auf und trat ihr in die Seite. Sie ging in die Knie und hielt sich die Rippen an der Stelle wo er sie erwischt hatte. Dann fing sie an zu weinen. Und zwar ziemlich laut.
Ist ja gut“, schrie Bino gegen ihr Schreien an. „Hör doch mal auf!“
Sie weinte weiter.
Hör zu, tut mir Leid, okay? Hör auf zu schreien.“
Nirgendwo war jemand zu sehen. Bino zuckte mit den Schultern. Er wollte gerade gehen, da hörte sie plötzlich auf.
Also, endlich“, murmelte er.
Sie stand auf ohne ein Ton zu sagen, drehte sich um und ging auf die Wiese und auf den Wald zu. Die Sonne ging unter.
Wo gehst du hin?“, fragte Bino.
Sie wischte sich die Augen und das Gesicht mit ihren Ärmeln ab.
Zehn Städte!“
Was hast du bloß mit diesen zehn Städten?“
Er ging ihr nach, hielt aber genügend Abstand, falls sie ihn noch einmal schlagen wollte. Ihm wurde ein wenig übel, weil er ständig sein Blut ableckte. Sie sagte nichts.
Ich bin Bino.“
Ich bin Cara-Vierundzwanzig-Null-Eins.“
Wieso Vierundzwanzig-Null-Eins.“
Das ist meine Freundin, sie ist böse.“
Beide blieben vor einem hohen Nadelbaum stehen.
Warum böse?“
Sie haut dich.“
Bino machte einen Schritt zurück.
Nein, sie haut mich nicht, weil ich dann zurück haue.“
Sie klatschte in die Hände und freute sich für diesen kurzen Moment beinahe euphorisch.
Alles klar“, sagte Bino. Langsam begriff er, dass Cara nicht ganz dicht war. „Welche zehn Städte meinst du?“
Das ist ein Freund, ein Freund ist eine Katze, Zehn Städte.“
Bino lachte.
Du bist aus einer Anstalt für Psychonauten weggelaufen, nicht wahr?“
Cara lachte auch. Sie klatschte in die Hände, bzw. verfehlte sie halbwegs, freute sich aber dennoch göttlich. Dann wischte sie sich ihre strubbeligen Locken aus dem Gesicht und klatschte noch einmal in die Hände.
Deine imaginären Freunde, wie sehen die aus?“
Zehn Städte ist eine Katze.“
Und der andere, dieser Vierundreizig-Null-Eins?“
Cara zuckte mit den Schultern. Sie lächelte nicht mehr.
Okay, der scheint nicht dein bester Freund zu sein.“
Sie blieben eine Weile still. Bino hob einen Stock vom Boden auf und warf ihn in den Wald hinein. Er krachte gegen einen Baumstamm und vibrierte für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft stehend bevor er zu Boden viel.
Sag mal, du bist doch nicht wirklich weggelaufen, oder?“
Nein.“
Sie hob auch einen Ast vom Boden auf und warf ihn in den Wald.
Wo sind den deine Eltern oder so etwas?“
Sie zeigte zur Landebahn.
Lebst du dort?“
Sie nickte. Sie lies beide Hände durch die Luft flattern vor Aufregung (vielleicht), als Bino einen großen Stein vom Boden aufhob, um ihn zu werfen.
Was ist bei dir eigentlich kaputt?“, fragte er und warf. Der Stein landete in einem Busch der beim Aufprall heftig erzitterte.
Ich bin manchmal Vierundzwanzig-Null-Eins und manchmal bin ich hier.“
Wo ist Vierundzwanzig-Null-Eins denn?“
Sie blickte auf ihre linke Schulter und dann ein Stück hoch. Es sah aus, als würde sie jemandem ins Gesicht blicken der einen Kopf größer war als sie. Bino lief ein Schauer über den Rücken.
Ist er- steht er neben dir?“
Sie nickte. Ihr Gesicht war wieder ausdruckslos.
(„Hit and run away!“)
Spricht er mit dir?“
Sie zuckte mit den Schultern.
Ich muss nach Hause“, sagte sie.

Freitag, 12. April 2013

Nä Nä (3)


Der nächste Tag begann mit Regenschauern. Kaum hatte es aufgehört zu regnen, brach der nächste Guss aus den Wolken aus. Das Wasser floss in kleinen Strömen am Straßenrand lang und stürzte in die Kanalisation. Egid saß am Schreibtisch in seinem Zimmer und zeichnete einen Baum auf dem ein Mädchen mit langen Haaren hockte und breit grinste. Die Mittagszeit brach an aber das schlechte Wetter ließ nicht nach. Egid konnte nichts anderes machen, als sich abzulenken und darauf zu warten, dass der Regen aufhörte und er Nä Nä besuchen gehen konnte – er hatte es ihr eigentlich versprochen. Wie es aussah würde er sein Versprechen aber nicht halten können. Er hatte schon daran gedacht, seine Regenjacke anzuziehen und zum Wald zu gehen, davon wollte sein Vater aber nichts hören. Der Wetterbericht hatte erhöhtes Fallout-Risiko gemeldet. Im Grunde kein Grund zur Sorge, die Werte waren schon seit Jahrzehnten nicht mehr lebensgefährlich aber noch immer traute kaum jemand dem Wetter. Egid fragte sich, ob Nä Nä vom Fallout eine Ahnung hatte, andrerseits lebte sie schon sehr lange im Wald und der Regen hatte sie nicht krank gemacht.
Er warf einen Blick aus dem Fenster – es regnete. Seine Zeichnung sah nicht viel besser aus, als das Gekrackel das er früher im Kindergarten fabriziert hatte. Er zerknüllte das Papier und steckte es in seine Hosentasche, als er seinen Papierkorb nicht fand. So langsam wurde es doch Zeit auszupacken. Er öffnete einen der Kartons die überall in seinem Zimmer herum standen und fing an sein Zeug in die Regale einzuräumen.
Egid war gerade dabei die leeren Kartons übereinander zu stapeln, als sein Vater in Begleitung eines jungen Mannes in der Zimmertür auftauchte.
„Egid, ich bin jetzt weg, wir sehen uns zum Abendessen wieder – das hier ist mein Berater Robert Jannick, er wird mich hier in Lalande unterstützen, vielleicht kannst du ihm nach dem Abendessen das Haus zeigen?“
„Hallo“, sagte Robert mit einem freundlichen Lächeln. Er war ein Mann mit sehr brauner Hautfarbe und den hellsten Zähnen die Egid je gesehen hatte.
„Sicher“, sagte Egid.
„Bleib heute bitte im Haus, ich möchte nicht, dass du bei dem Regen nach draußen gehst. Tentrietty geht heute früher heim, sie lässt dir etwas im Kühlschrank stehen, das du dir warm machen kannst, wenn du Hunger bekommst – sei brav, bis später.“
Die beiden Männer gingen und Robert zwinkerte Egid beim gehen zu. Aus dem Fenster sah er den großen Dienstwagen aus der Garage fahren und fort waren sie. Er war nun alleine in dem großen Haus. Es mussten noch einige Kartons entpackt werden aber er hatte im Moment keine Lust mehr darauf. Im Kühlschrank in der Küche stand ein Topf mit Spagetti drin und eine kleine Schüssel mit Tomatensoße. Egid machte sich aber nur ein Toastbrot mit Käse und ließ sich im Wohnzimmer in den Sessel fallen. Er nahm die Fernbedienung und machte den Fernseher an. Der große Bildschirm flammte auf und zeigte das Menü mit den Sendern und dem Programm. Nachdem Egid eine Weile darauf gestarrt hatte, machte er das Gerät wieder aus.
Das Zwitschern der Vögel weckte ihn eine Stunde später auf. Sonnenlicht flutete das Wohnzimmer durch die wandhohen Fenster. Die Uhr zeigte kurz vor zwei nachmittags. Er setzte sich auf. Der Regen hatte aufgehört. Vielleicht wartete Nä Nä auf ihn. Er stand auf, sprang in seine Schuhe im Eingangsflur und trat hinaus. Dann ging er mit schnellem Schritt die Straße entlang auf den Wald zu – bis zum Ende der Straße und in die Schatten der Bäume. Nä Nä konnte er nicht entdecken aber das hatte er auch nicht erwartet. Wahrscheinlich machte ihr der Regen nichts aus und sie hatte schon vor Stunden auf ihn gewartet und war dann gegangen, als er nicht gekommen war.
„Nä Nä?“, rief er trotzdem.
Keine Antwort. Er stieg durch das Dickicht tiefer in den Wald.
„Nä Nä?!“
Ein Stück weiter vor ihm lag die Stelle an der sie ihm der Eule vorgestellt hatte. Aber auch die Eule war heute nicht da. Er ließ die Schultern hängen.
„Hm.“
Irgendwo musste sie doch wohnen?
„Hallo!“
Die Stimme kam von oben und ganz nah an seinem Ohr. Er schaute auf und kniete sich mit einem ersticktem Schrei hin. Er hatte ihr direkt in ihre Augen und ihr breites Lächeln geschaut. Sie hing direkt über ihm in der Luft.
„Was zum - !“
Nä Nä baumelte kopfüber wie eine Spinne mit roter Haarmähne an einer Liane herab und lachte.
„Überraschung“, rief sie fröhlich.
Egid stand wieder auf.
„Wie bist du denn da hinauf gekommen?“, fragte er. Die Liane reichte bis ganz nach oben und schlang sich dort irgendwo in zehn Metern Höhe um einen dicken Ast.
„Ganz einfach hoch geklettert“, sagte sie und ließ die Liane los, fiel und landete auf ihren Füßen ohne das Egid mitbekam wie das passierte.
„Wohnst du da oben?“, fragte Egid.
„Was ist wohnst?“, fragte sie zurück.
Egid zeigte hoch in die Baumkronen.
„Ob du da oben wohnst, da in den Bäumen“, sagte er und zeigte nun auf einige Bäume, weil ihm nichts besseres einfiel um deutlicher zu werden.
„Nein, ich wohnst da gar nichts und wehe einer wohnst irgendwas da herum in meinen Bäumen, dann kriegt er es mit mir zu tun. Du willst doch nicht etwa wohnsten, oder?“
Egid sah sie einen Augenblick fassungslos an. Er wusste nicht, ob er lachen oder es lieber bleiben lassen sollte und entschied sich für ein halbes Lächeln. Nä Nä hatte ihre Frage jedoch ernst gemeint.
„Ähm. Nein“, sagte Egid kopfschüttelnd. „Wieso sollte ich, nein, bestimmt nicht.“
„Hm“, machte sie noch nicht sehr überzeugt.
„Nä Nä, ich wollte eigentlich nur wissen, wo du schläfst oder wo du deinen Ort hast an dem du immer wieder zurückkehrst.“
„Oh“, machte sie. Ihr Lächeln kam wieder – es war eigentlich nicht wirklich weg gewesen. Und dann lachte sie. Sie schüttelte ihr Haar herum. Wasn, die Eidechse flog heraus und landete auf ihrer Schulter.
„Tut mir Leid, Egid. Es gibt einfach viel zu viele Wörter und ich kann mir einfach nicht alle merken. Ich wohnst... hm... ich wohne in einem sehr hohen Baum und einen sehr alten noch dazu. Willst du mein Nest sehen?“
Egid nickte unsicher und noch bevor er etwas weiteres tun oder sagen konnte, hatte sie ihn am Handgelenk umklammert und zog ihn hinter sich her. Sie konnte sich durch das Dickicht so leichtfüßig bewegen wie eine Schlange und ihre Schritte waren so flink, dass Egids Augen kaum ihren Bewegungen folgen konnten. Er selbst hingegen stolperte und strauchelte und stampfte wie ein betrunkener Strauß hinter ihr her. Und der Weg wurde umso beschwerlicher, umso tiefer sie ihn in den Wald hinein führte.
„Halt“, sagte sie plötzlich.
Sie hielt so abrupt an, dass Egid in sie hinein rannte.
„Was ist?“, sagte er.
Sie zeigte auf eine Stelle zwischen den Baumstämmen. Dort regte sich etwas sehr großes. Die Büsche zitterten und es raschelte laut aber Egid konnte nichts weiter erkennen.
„Das ist Daluthia“, flüsterte Nä Nä. „Wir müssen leise sein.“
Egid blickte nun angestrengt in die Richtung aus dem das Rascheln kam. Da bewegte sich etwas sehr großes und dunkles und – Egids Herz machte einen Sprung – es machte grunzende Geräusche und scharrte mit seinen Beinen über die Erde.
„Nä Nä, was ist das?“, flüsterte Egid.
Sie lächelte.
„Keine Angst, das ist Daluthia, sie ist meine Freundin.“
Sie ging weiter und zog Egid hinter sich her. Doch sie bewegte sich nun langsamer und umsichtiger, um keine Geräusche zu machen – sie schlich.
„Deine Freundin?“, flüsterte Egid mit zittriger Stimme. „Warum versteckst du dich vor deiner Freundin, Nä Nä?“
„Psst“, machte Nä Nä und schlich weiter.
Sie führte ihn um einen sehr dicken Baumstamm herum und dann unter einer gewaltigen Wurzel drunter durch. Der Boden wurde von da an lichter, die Büsche und das Gestrüpp wich nun schwarzer, feuchter Erde die von einem Teppich aus braunen Blättern bedeckt war. Das Grunzen und Scharren war nicht mehr zu hören.
„Daluthia kriegt bald ein Kind und braucht jetzt Ruhe und darum muss man leise sein, wenn man sie besucht“, erklärte Nä Nä.
„Was für ein Tier ist Daluthia?“
Nä Nä musste überlegen. Anscheinend kannte sie die Tiernamen nicht so gut.
„Ich glaube, ihr nennt sie Wildschwein.“
Egid schüttelte den Kopf.
„Wildschweine sind nicht so groß, Nä Nä.“
„Daluthia schon.“
Sie packte ihn wieder am Handgelenk und beide liefen über den Blätterteppich weiter in Richtung eines Hügels auf dem, abgesehen von einer gewaltigen Eiche, nur sehr junge Bäume wuchsen.
„Da schlafe ich“, sagte Nä Nä. Sie zeigte auf den riesigen Baum. „Da wohne ich. Es ist der größte Baum im ganzen Wald und man kann ganz einfach rauf klettern.“
„Wahnsinn“, sagte Egid, nicht nur, weil er glaubte, dass sie es erwartete sondern auch weil es tatsächlich ein sehr beeindruckender Baum war. Der Stamm ragte über all die anderen Bäume hinaus, weit in den blauen Himmel und aus ihm wuchsen hunderte stammdicke Äste aus denen wiederum weitere Äste sprießen. Die Krone bestand aus mehreren gewaltigen Kronen, die so etwas wie Stockwerke bildeten und die Spitze war nicht zu erkennen.
„Nä Nä, so etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte Egid.
Nä Nä freute sich und rannte vor.
„Komm, Egid! Ich stell dich vor!“
Als er dem Stamm, der den Durchmesser eines Ein-Familienhauses hatte, näher kam, begriff er, was Nä Nä gemeint hatte, als sie sagte, es sei einfach rauf zu klettern. Einige der dicken Äste neigten sich bis zum Boden herab und man konnte an ihnen wie über eine stufenlose Treppe hoch gehen und danach konnte man über die dünneren Äste wie über Leitern noch höher herauf.
Nä Nä blieb vor einem der dicken Äste am Boden stehen und fing an eine Melodie zu summen. Sie klang sehr schön fand Egid. Und während sie summte blickte sie hoch ins Geäst. Egid kam bei ihr an und blickte auch auf.
„Wem möchtest du mich vorstellen?“
Sie hörte auf zu summen.
„Meinem Baum“, sagte sie und tätschelte den dicken Ast.
Egid kratzte sich am Hinterkopf.
„Du sprichst mit dem Baum?“
Nä Nä nickte.
„Klar! Damit es ihm nicht langweilig ist.“
Egid lachte.
„Glaubst du, er versteht dich?“
Nä Nä zuckte mit den Schultern.
„Weiß ich nicht aber wenn du 1000 Jahre lang an immer dem gleichen Ort stehen würdest, wäre dir bestimmt langweilig. Dann würdest du dich ganz sicher freuen, wenn einer mit dir redet auch wenn du ihn nicht verstehst und außerdem singe ich ihm meistens etwas vor und das braucht man ja nicht zu verstehen weil es muss sich nur schön anhören.“
Egid sah ihr zu, wie sie auf den Ast stieg und darauf balancierend im Laub verschwand. Er dachte über das was sie gesagt hatte nach. Und da fiel ihm ein, dass er irgendwo gelesen hatte, dass Pflanzen besser wuchsen, wenn man mit ihnen sprach. Wie interessant dieses Thema gewesen ist, merkte er erst jetzt, vielleicht Jahre nachdem er darüber gelesen hatte. Trotzdem kam er sich etwas dumm vor als er „Hallo, Baum“, sagte und es Nä Nä gleich tat und den dicken Ast tätschelte.
„Nä Nä?“, rief er. Gerade fiel ihm etwas ein, worüber er sich für gewöhnlich lieber keine Gedanken machte. „Wie hoch oben ist dein Nest?“