Montag, 9. September 2013
Mittwoch, 4. September 2013
Sonntag, 18. August 2013
Die Weganer
Ihr Name passte wirklich
gut zu ihnen. Die Weganer. Sie kamen von einem Planeten im
Sternensystem Wega und ernährten sich ausschließlich pflanzlich. Es
lag nun schon fast fünf Jahre zurück, als ihr riesiges Raumschiff
in eine Umlaufbahn um die Erde ging und sie ihre Maschinen zu uns
hinunter schickten.
Sie hatten uns schon
lange bevor sie angekommen waren studiert und unsere Sprachen
gelernt. Die Maschinen grüßten freundlich, als sie durch die Stadt
rollten. Sie waren ganz weiß und rundlich, fast ein wenig wie einer
der alten VW Käfer.
Sie brachten Wissen mit
und neue Technologien und im Gegenzug wollten sie Nahrung für ihre
weitere Reise haben. Und sie benötigten viel Nahrung. Sie brachten
uns bei wie man Fleisch künstlich herstellte und verlangten dafür
unsere Ernten. Wir hatten irgendwann kein Brot aber genug Fleisch für
alle. Einige Staaten machten bei diesem Geschäft nicht mit oder
stellten zu hohe Bedingungen. Die Weganer ließen sich auf keine
anderen Bedingungen ein.
Irgendwann waren ihnen
die Ernten nicht genug. Für weiteres Wissen verlangten sie, dass
mehr Felder angelegt werden müssten. Der erste Ärger kam auf und
viele Menschen in verschiedenen Ländern wiesen die Außerirdischen
zurück. Und zunächst ließen sie sich auch zurückweisen aber es
dauerte nicht lange und sie zwangen die Menschen mit Drohungen mehr
Nahrung anzubauen. Und als auch das nicht reichte, schickten sie ihr
Kriegsgerät herunter.
Die Armeen auf der Erde
hatten nicht die leiseste Chance gegen die Angriffe der Weganer bei
denen sie sich nicht mal aus dem Stuhl zu erheben brauchten. Zumeist
verwendeten sie eine Art EMP-Angriff welcher jegliche Technik der
Menschen einfach abschaltete. Nur mit Schwert und Schild hätten die
Menschen angreifen können. Mit einem Fingerzeig schalteten sie ganze
Städte ab und marschierten dann mit ihren Robotern ein. Die Menschen
wurden in Lagern festgehalten, mit Unmengen an Fleisch versorgt und
mussten täglich auf den Feldern der Weganer arbeiten.
Bis zu diesem Zeitpunkt
hatte noch nie ein Mensch gesehen, wie die Außerirdischen eigentlich
aussahen. Es gab bloß immer nur Gerüchte. Und diese Gerüchte
häuften sich mit der Zeit.
In Wirklichkeit sahen sie
aus wie Kellerasseln. Wie weiße Kellerasseln ohne eine andere Farbe.
Sie schienen sich auf ähnliche Weise fort zu bewegen wie die
Schlangen, wobei nur ihr unterer Körperteil den Boden berührte –
der Rest des Körpers stand aufrecht. Sie hatten drei ziemlich kurze
Armpaare mit Fingern ohne eine richtige Hand. Wenn sie etwas aufheben
wollten, legten sie sich auf den Gegenstand mit ihrem Oberkörper
fast drauf. Ihr Kopf bestand zum größten Teil aus ihrem Riechorgan
mit welchem sie sahen, Gerüche aufnahmen, hörten und ihre Nahrung
aufnahmen. 18 sehr kleine Augen waren unter dem Riechorgan wie bei
einer Spinne angeordnet aber sie konnten mit ihnen nur feststellen ob
es hell oder dunkel war. Und sie mochten es lieber dunkel.
Es soll Menschen gegeben
haben, die sich mit ihnen ausführlich unterhalten konnten, Menschen
die auf ihre Brut aufgepasst hatten und sich um diese gekümmert
hatten. Menschen die etwas zu sagen hatten wurden sogar auf das
Raumschiff der Weganer eingeladen. Oft hörte man, dass die Weganer
Menschen süß fanden, so, wie Menschen Kätzchen oder kleine Hunde
süß finden auch wenn der Vergleich nicht ganz passt. Die Weganer
wussten natürlich, dass sie mit intelligenten Lebewesen zu tun
hatten aber sie wussten auch, dass sie überlegen waren.
Dann kamen mehr Schiffe
von Wega und die Menschen rebellierten. Überall entflammten Kriege.
Doch aussichtslos.
Es war in etwa so, als
wären die Spanier vor 500 Jahren mit einer Flotte aus Zerstörern
und einem Flugzeugträger in Amerika gelandet und stünden einem
Azteken-König aus dem Regenwald gegenüber.
Montag, 3. Juni 2013
Vierundzwanzig-Null-Eins
Bino
kam auf einem Pfad aus dem Wald. Er kam zwischen den Büschen hervor.
Die Blätter an den Ästen machten den Pfad unsichtbar. Er tauchte
plötzlich auf. Er kam auf einem Schotterweg raus. Auf der anderen
Seite war eine Wiese und ein alter Spielplatz aus Metall und
verblassten Farben und mir viel Rost. Und dahinter lag der Landeplatz
mit Feuerwache.
Cara
klatschte in die Hände. Sie war die Rutsche hinunter gerannt und
beinahe im Geäst des Waldes verschwunden aber dann hielt sie kurz
davor an.
„Zehn
Städte“, schrie sie, „bleib da!“
Sie
rannte grinsend zurück zur Rutsche und begann sie über die
Rutschbahn wieder hinauf zu klettern.
„Zehn
Städte, ja!“
Bino
überquerte den Schotterweg. Er hatte richtig Lust sie zu ärgern.
Sie schien alleine zu sein. Die Bänke am Rand des Spielplatzes waren
leer und auf der Rutsche, den Schaukeln und dem Kletterbaum war auch
niemand.
„Vierundzwanzig-Null-Eins“, fauchte sie.
Sie
rutschte die Rutsche runter. Sie grinste nicht mehr, merkte nicht,
dass Bino näher kam. Sie trat gegen den Kieselsand, die kleinen
Steinchen schossen durch die Luft.
„Hau
ab!“, zischte sie.
Bino
stand hinter ihr.
„Hau
du doch ab“, sagte er.
Sie
wirbelte herum. Dann sprang sie zurück. Bino lachte. Sie sah ihn
ausdruckslos an. Ihre Augen waren schwarz. Bino machten sie Angst
noch bevor er wusste, was ihn erschreckte. Sie starrte ihn weiter an.
„Was
guckst du so blöd?“, fragte Bino.
Sie
schaute auf den Boden, suchte ihn um ihre Füße herum ab. Sie schien
nach etwas zu suchen. Vielleicht nach einem Stein.
„Was
willst du machen?“, fragte Bino.
Sie
überlegte.
„Hit!“
Mit
einem Mal war sie direkt vor ihm und boxte ihm mit geballter Hand
mitten ins Gesicht. Bino taumelte rücklings und fiel in den
Kiessand. Sofort spürte er warmes Blut über seine Lippen laufen und
herunter tropfen.
„Bist
du bescheuert?“, schrie er sie von unten her an.
„Ja,
ich und Vierundzwanzig-Null-Eins und Zehn Städte“, antwortete sie
ihm prompt.
Bino
sprang auf und trat ihr in die Seite. Sie ging in die Knie und hielt
sich die Rippen an der Stelle wo er sie erwischt hatte. Dann fing sie
an zu weinen. Und zwar ziemlich laut.
„Ist
ja gut“, schrie Bino gegen ihr Schreien an. „Hör doch mal auf!“
Sie
weinte weiter.
„Hör
zu, tut mir Leid, okay? Hör auf zu schreien.“
Nirgendwo
war jemand zu sehen. Bino zuckte mit den Schultern. Er wollte gerade
gehen, da hörte sie plötzlich auf.
„Also,
endlich“, murmelte er.
Sie
stand auf ohne ein Ton zu sagen, drehte sich um und ging auf die
Wiese und auf den Wald zu. Die Sonne ging unter.
„Wo
gehst du hin?“, fragte Bino.
Sie
wischte sich die Augen und das Gesicht mit ihren Ärmeln ab.
„Zehn
Städte!“
„Was
hast du bloß mit diesen zehn Städten?“
Er
ging ihr nach, hielt aber genügend Abstand, falls sie ihn noch
einmal schlagen wollte. Ihm wurde ein wenig übel, weil er ständig
sein Blut ableckte. Sie sagte nichts.
„Ich
bin Bino.“
„Ich
bin Cara-Vierundzwanzig-Null-Eins.“
„Wieso
Vierundzwanzig-Null-Eins.“
„Das
ist meine Freundin, sie ist böse.“
Beide
blieben vor einem hohen Nadelbaum stehen.
„Warum
böse?“
„Sie
haut dich.“
Bino
machte einen Schritt zurück.
„Nein,
sie haut mich nicht, weil ich dann zurück haue.“
Sie
klatschte in die Hände und freute sich für diesen kurzen Moment
beinahe euphorisch.
„Alles
klar“, sagte Bino. Langsam begriff er, dass Cara nicht ganz dicht
war. „Welche zehn Städte meinst du?“
„Das
ist ein Freund, ein Freund ist eine Katze, Zehn Städte.“
Bino
lachte.
„Du
bist aus einer Anstalt für Psychonauten weggelaufen, nicht wahr?“
Cara
lachte auch. Sie klatschte in die Hände, bzw. verfehlte sie
halbwegs, freute sich aber dennoch göttlich. Dann wischte sie sich
ihre strubbeligen Locken aus dem Gesicht und klatschte noch einmal in
die Hände.
„Deine
imaginären Freunde, wie sehen die aus?“
„Zehn
Städte ist eine Katze.“
„Und
der andere, dieser Vierundreizig-Null-Eins?“
Cara
zuckte mit den Schultern. Sie lächelte nicht mehr.
„Okay,
der scheint nicht dein bester Freund zu sein.“
Sie
blieben eine Weile still. Bino hob einen Stock vom Boden auf und warf
ihn in den Wald hinein. Er krachte gegen einen Baumstamm und
vibrierte für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft stehend bevor
er zu Boden viel.
„Sag
mal, du bist doch nicht wirklich weggelaufen, oder?“
„Nein.“
Sie
hob auch einen Ast vom Boden auf und warf ihn in den Wald.
„Wo
sind den deine Eltern oder so etwas?“
Sie
zeigte zur Landebahn.
„Lebst
du dort?“
Sie
nickte. Sie lies beide Hände durch die Luft flattern vor Aufregung
(vielleicht), als Bino einen großen Stein vom Boden aufhob, um ihn
zu werfen.
„Was
ist bei dir eigentlich kaputt?“, fragte er und warf. Der Stein
landete in einem Busch der beim Aufprall heftig erzitterte.
„Ich
bin manchmal Vierundzwanzig-Null-Eins und manchmal bin ich hier.“
„Wo
ist Vierundzwanzig-Null-Eins denn?“
Sie
blickte auf ihre linke Schulter und dann ein Stück hoch. Es sah aus,
als würde sie jemandem ins Gesicht blicken der einen Kopf größer
war als sie. Bino lief ein Schauer über den Rücken.
„Ist
er- steht er neben dir?“
Sie
nickte. Ihr Gesicht war wieder ausdruckslos.
(„Hit
and run away!“)
„Spricht er mit dir?“
Sie
zuckte mit den Schultern.
„Ich
muss nach Hause“, sagte sie.
Samstag, 4. Mai 2013
Freitag, 12. April 2013
Nä Nä (3)
Der nächste Tag begann
mit Regenschauern. Kaum hatte es aufgehört zu regnen, brach der
nächste Guss aus den Wolken aus. Das Wasser floss in kleinen Strömen
am Straßenrand lang und stürzte in die Kanalisation. Egid saß am
Schreibtisch in seinem Zimmer und zeichnete einen Baum auf dem ein
Mädchen mit langen Haaren hockte und breit grinste. Die Mittagszeit
brach an aber das schlechte Wetter ließ nicht nach. Egid konnte
nichts anderes machen, als sich abzulenken und darauf zu warten, dass
der Regen aufhörte und er Nä Nä besuchen gehen konnte – er hatte
es ihr eigentlich versprochen. Wie es aussah würde er sein
Versprechen aber nicht halten können. Er hatte schon daran gedacht,
seine Regenjacke anzuziehen und zum Wald zu gehen, davon wollte sein
Vater aber nichts hören. Der Wetterbericht hatte erhöhtes
Fallout-Risiko gemeldet. Im Grunde kein Grund zur Sorge, die Werte
waren schon seit Jahrzehnten nicht mehr lebensgefährlich aber noch
immer traute kaum jemand dem Wetter. Egid fragte sich, ob Nä Nä vom
Fallout eine Ahnung hatte, andrerseits lebte sie schon sehr lange im
Wald und der Regen hatte sie nicht krank gemacht.
Er warf einen Blick aus
dem Fenster – es regnete. Seine Zeichnung sah nicht viel besser
aus, als das Gekrackel das er früher im Kindergarten fabriziert
hatte. Er zerknüllte das Papier und steckte es in seine Hosentasche,
als er seinen Papierkorb nicht fand. So langsam wurde es doch Zeit
auszupacken. Er öffnete einen der Kartons die überall in seinem
Zimmer herum standen und fing an sein Zeug in die Regale einzuräumen.
Egid war gerade dabei die
leeren Kartons übereinander zu stapeln, als sein Vater in Begleitung
eines jungen Mannes in der Zimmertür auftauchte.
„Egid, ich bin jetzt
weg, wir sehen uns zum Abendessen wieder – das hier ist mein
Berater Robert Jannick, er wird mich hier in Lalande unterstützen,
vielleicht kannst du ihm nach dem Abendessen das Haus zeigen?“
„Hallo“, sagte
Robert mit einem freundlichen Lächeln. Er war ein Mann mit sehr
brauner Hautfarbe und den hellsten Zähnen die Egid je gesehen hatte.
„Sicher“, sagte
Egid.
„Bleib heute bitte im
Haus, ich möchte nicht, dass du bei dem Regen nach draußen gehst.
Tentrietty geht heute früher heim, sie lässt dir etwas im
Kühlschrank stehen, das du dir warm machen kannst, wenn du Hunger
bekommst – sei brav, bis später.“
Die beiden Männer gingen
und Robert zwinkerte Egid beim gehen zu. Aus dem Fenster sah er den
großen Dienstwagen aus der Garage fahren und fort waren sie. Er war
nun alleine in dem großen Haus. Es mussten noch einige Kartons
entpackt werden aber er hatte im Moment keine Lust mehr darauf. Im
Kühlschrank in der Küche stand ein Topf mit Spagetti drin und eine
kleine Schüssel mit Tomatensoße. Egid machte sich aber nur ein
Toastbrot mit Käse und ließ sich im Wohnzimmer in den Sessel
fallen. Er nahm die Fernbedienung und machte den Fernseher an. Der
große Bildschirm flammte auf und zeigte das Menü mit den Sendern
und dem Programm. Nachdem Egid eine Weile darauf gestarrt hatte,
machte er das Gerät wieder aus.
Das Zwitschern der Vögel
weckte ihn eine Stunde später auf. Sonnenlicht flutete das
Wohnzimmer durch die wandhohen Fenster. Die Uhr zeigte kurz vor zwei
nachmittags. Er setzte sich auf. Der Regen hatte aufgehört.
Vielleicht wartete Nä Nä auf ihn. Er stand auf, sprang in seine
Schuhe im Eingangsflur und trat hinaus. Dann ging er mit schnellem
Schritt die Straße entlang auf den Wald zu – bis zum Ende der
Straße und in die Schatten der Bäume. Nä Nä konnte er nicht
entdecken aber das hatte er auch nicht erwartet. Wahrscheinlich
machte ihr der Regen nichts aus und sie hatte schon vor Stunden auf
ihn gewartet und war dann gegangen, als er nicht gekommen war.
„Nä Nä?“, rief er
trotzdem.
Keine Antwort. Er stieg
durch das Dickicht tiefer in den Wald.
„Nä Nä?!“
Ein Stück weiter vor ihm
lag die Stelle an der sie ihm der Eule vorgestellt hatte. Aber auch
die Eule war heute nicht da. Er ließ die Schultern hängen.
„Hm.“
Irgendwo musste sie doch
wohnen?
„Hallo!“
Die Stimme kam von oben
und ganz nah an seinem Ohr. Er schaute auf und kniete sich mit einem
ersticktem Schrei hin. Er hatte ihr direkt in ihre Augen und ihr
breites Lächeln geschaut. Sie hing direkt über ihm in der Luft.
„Was zum - !“
Nä Nä baumelte kopfüber
wie eine Spinne mit roter Haarmähne an einer Liane herab und lachte.
„Überraschung“,
rief sie fröhlich.
Egid stand wieder auf.
„Wie bist du denn da
hinauf gekommen?“, fragte er. Die Liane reichte bis ganz nach oben
und schlang sich dort irgendwo in zehn Metern Höhe um einen dicken
Ast.
„Ganz einfach hoch
geklettert“, sagte sie und ließ die Liane los, fiel und landete
auf ihren Füßen ohne das Egid mitbekam wie das passierte.
„Wohnst du da oben?“,
fragte Egid.
„Was ist wohnst?“,
fragte sie zurück.
Egid zeigte hoch in die
Baumkronen.
„Ob du da oben wohnst,
da in den Bäumen“, sagte er und zeigte nun auf einige Bäume, weil
ihm nichts besseres einfiel um deutlicher zu werden.
„Nein, ich wohnst da
gar nichts und wehe einer wohnst irgendwas da herum in meinen Bäumen,
dann kriegt er es mit mir zu tun. Du willst doch nicht etwa wohnsten,
oder?“
Egid sah sie einen
Augenblick fassungslos an. Er wusste nicht, ob er lachen oder es
lieber bleiben lassen sollte und entschied sich für ein halbes
Lächeln. Nä Nä hatte ihre Frage jedoch ernst gemeint.
„Ähm. Nein“, sagte
Egid kopfschüttelnd. „Wieso sollte ich, nein, bestimmt nicht.“
„Hm“, machte sie
noch nicht sehr überzeugt.
„Nä Nä, ich wollte
eigentlich nur wissen, wo du schläfst oder wo du deinen Ort hast an
dem du immer wieder zurückkehrst.“
„Oh“, machte sie.
Ihr Lächeln kam wieder – es war eigentlich nicht wirklich weg
gewesen. Und dann lachte sie. Sie schüttelte ihr Haar herum. Wasn,
die Eidechse flog heraus und landete auf ihrer Schulter.
„Tut mir Leid, Egid.
Es gibt einfach viel zu viele Wörter und ich kann mir einfach nicht
alle merken. Ich wohnst... hm... ich wohne in einem sehr hohen Baum
und einen sehr alten noch dazu. Willst du mein Nest sehen?“
Egid nickte unsicher und
noch bevor er etwas weiteres tun oder sagen konnte, hatte sie ihn am
Handgelenk umklammert und zog ihn hinter sich her. Sie konnte sich
durch das Dickicht so leichtfüßig bewegen wie eine Schlange und
ihre Schritte waren so flink, dass Egids Augen kaum ihren Bewegungen
folgen konnten. Er selbst hingegen stolperte und strauchelte und
stampfte wie ein betrunkener Strauß hinter ihr her. Und der Weg
wurde umso beschwerlicher, umso tiefer sie ihn in den Wald hinein
führte.
„Halt“, sagte sie
plötzlich.
Sie hielt so abrupt an,
dass Egid in sie hinein rannte.
„Was ist?“, sagte
er.
Sie zeigte auf eine
Stelle zwischen den Baumstämmen. Dort regte sich etwas sehr großes.
Die Büsche zitterten und es raschelte laut aber Egid konnte nichts
weiter erkennen.
„Das ist Daluthia“,
flüsterte Nä Nä. „Wir müssen leise sein.“
Egid blickte nun
angestrengt in die Richtung aus dem das Rascheln kam. Da bewegte sich
etwas sehr großes und dunkles und – Egids Herz machte einen Sprung
– es machte grunzende Geräusche und scharrte mit seinen Beinen
über die Erde.
„Nä Nä, was ist
das?“, flüsterte Egid.
Sie lächelte.
„Keine Angst, das ist
Daluthia, sie ist meine Freundin.“
Sie ging weiter und zog
Egid hinter sich her. Doch sie bewegte sich nun langsamer und
umsichtiger, um keine Geräusche zu machen – sie schlich.
„Deine Freundin?“,
flüsterte Egid mit zittriger Stimme. „Warum versteckst du dich vor
deiner Freundin, Nä Nä?“
„Psst“, machte Nä
Nä und schlich weiter.
Sie führte ihn um einen
sehr dicken Baumstamm herum und dann unter einer gewaltigen Wurzel
drunter durch. Der Boden wurde von da an lichter, die Büsche und das
Gestrüpp wich nun schwarzer, feuchter Erde die von einem Teppich aus
braunen Blättern bedeckt war. Das Grunzen und Scharren war nicht
mehr zu hören.
„Daluthia kriegt bald
ein Kind und braucht jetzt Ruhe und darum muss man leise sein, wenn
man sie besucht“, erklärte Nä Nä.
„Was für ein Tier ist
Daluthia?“
Nä Nä musste überlegen.
Anscheinend kannte sie die Tiernamen nicht so gut.
„Ich glaube, ihr nennt
sie Wildschwein.“
Egid schüttelte den
Kopf.
„Wildschweine sind
nicht so groß, Nä Nä.“
„Daluthia schon.“
Sie packte ihn wieder am
Handgelenk und beide liefen über den Blätterteppich weiter in
Richtung eines Hügels auf dem, abgesehen von einer gewaltigen Eiche,
nur sehr junge Bäume wuchsen.
„Da schlafe ich“,
sagte Nä Nä. Sie zeigte auf den riesigen Baum. „Da wohne ich. Es
ist der größte Baum im ganzen Wald und man kann ganz einfach rauf
klettern.“
„Wahnsinn“, sagte
Egid, nicht nur, weil er glaubte, dass sie es erwartete sondern auch
weil es tatsächlich ein sehr beeindruckender Baum war. Der Stamm
ragte über all die anderen Bäume hinaus, weit in den blauen Himmel
und aus ihm wuchsen hunderte stammdicke Äste aus denen wiederum
weitere Äste sprießen. Die Krone bestand aus mehreren gewaltigen
Kronen, die so etwas wie Stockwerke bildeten und die Spitze war nicht
zu erkennen.
„Nä Nä, so etwas
habe ich noch nie gesehen“, sagte Egid.
Nä Nä freute sich und
rannte vor.
„Komm, Egid! Ich stell
dich vor!“
Als er dem Stamm, der den
Durchmesser eines Ein-Familienhauses hatte, näher kam, begriff er,
was Nä Nä gemeint hatte, als sie sagte, es sei einfach rauf zu
klettern. Einige der dicken Äste neigten sich bis zum Boden herab
und man konnte an ihnen wie über eine stufenlose Treppe hoch gehen
und danach konnte man über die dünneren Äste wie über Leitern
noch höher herauf.
Nä Nä blieb vor einem
der dicken Äste am Boden stehen und fing an eine Melodie zu summen.
Sie klang sehr schön fand Egid. Und während sie summte blickte sie
hoch ins Geäst. Egid kam bei ihr an und blickte auch auf.
„Wem möchtest du mich
vorstellen?“
Sie hörte auf zu summen.
„Meinem Baum“, sagte
sie und tätschelte den dicken Ast.
Egid kratzte sich am
Hinterkopf.
„Du sprichst mit dem
Baum?“
Nä Nä nickte.
„Klar! Damit es ihm
nicht langweilig ist.“
Egid lachte.
„Glaubst du, er
versteht dich?“
Nä Nä zuckte mit den
Schultern.
„Weiß ich nicht aber
wenn du 1000 Jahre lang an immer dem gleichen Ort stehen würdest,
wäre dir bestimmt langweilig. Dann würdest du dich ganz sicher
freuen, wenn einer mit dir redet auch wenn du ihn nicht verstehst und
außerdem singe ich ihm meistens etwas vor und das braucht man ja
nicht zu verstehen weil es muss sich nur schön anhören.“
Egid sah ihr zu, wie sie
auf den Ast stieg und darauf balancierend im Laub verschwand. Er
dachte über das was sie gesagt hatte nach. Und da fiel ihm ein, dass
er irgendwo gelesen hatte, dass Pflanzen besser wuchsen, wenn man mit
ihnen sprach. Wie interessant dieses Thema gewesen ist, merkte er
erst jetzt, vielleicht Jahre nachdem er darüber gelesen hatte.
Trotzdem kam er sich etwas dumm vor als er „Hallo, Baum“, sagte
und es Nä Nä gleich tat und den dicken Ast tätschelte.
„Nä Nä?“, rief er.
Gerade fiel ihm etwas ein, worüber er sich für gewöhnlich lieber
keine Gedanken machte. „Wie hoch oben ist dein Nest?“
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